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Ausgabe 2/2018

Ein Dorf im Storchenfieber

Angepasste Bewirtschaftung für Störche und Wiesenbrüter in Rühstädt und Umgebung

Kaum ein Name ist im Brandenburgischen so eng mit dem Weißstorch verbunden wie der des Dorfes Rühstädt. Am Ostufer der Elbe gelegen, ist sein Storchenreichtum einerseits der Lage im Überschwemmungsland geschuldet – andererseits erscheint seine Entwicklung zum Europäischen Storchendorf ohne das aktive Wirken seiner Bevölkerung undenkbar. Seit Jahrzehnten grassiert in ihr das Storchenfieber.

Seit Mitte der 1970er Jahre existiert in Rühstädt der „Storchenclub“ – ein Verein, der sich allein um die Ansiedlung von Störchen bemüht. „Damals kehrten mehr Störche aus den Überwinterungsgebieten zurück, als Nistmöglichkeiten vorhanden waren. Unter den Störchen gab es viel Streit um die wenigen Nistplätze, was immer wieder zu Brutverlusten führte. Die Generation unserer Eltern hatte das beobachtet und begann daraufhin, in Rühstädt künstliche Nisthilfen zu errichten“, weiß Jürgen Herper zu berichten. Der Naturwachtmitarbeiter kennt das Storchendorf und seine Umgebung wie kaum ein Zweiter. Als ehrenamtlicher Bürgermeister gestaltete er dessen Entwicklung über zwanzig Jahre hinweg maßgelblich mit. Dann übergab er das Amt 2014 an die „nächste Generation“. Ähnlich lange ist er inzwischen hauptamtlich als Ranger tätig.
Auch wenn die vielen Horste auf den Dächern des Storchendorfes etwas Anderes suggerieren mögen, auch in Rühstädt befinde man sich nicht auf der „Insel der Glückseligen“, betont Herper. Probleme bereite den Störchen und anderen Vögeln der Feldflur vor allem die Art der Flächenbewirtschaftung, die nicht immer geeignet sei, geeignete Lebensräume zu hinterlassen. Was zunehmend fehle, sei die Beweidung von Grünland. „Im ganzen Elbtal ist der Trend der gleiche – die Viehbestände sind in den vergangenen 20 Jahren stark zurückgegangen, die Milchkrise hat diesen Trend vor zehn Jahren dann nochmals verstärkt.“ Die meisten Weißstörche habe es gegeben, als auch der Viehbestände am größten waren. Das war etwa Mitte der 1980er bis 1990er Jahre. „Bewirtschaftetes Grünland ist für den Weißstorch nötig, damit er zügig an seine Nahrung kommen kann. Ein Storchenpaar mit Jungen muss täglich etwa 6 bis 6,5 Kilo Nahrung finden. Nicht bewirtschaftete Flächen erschweren die Nahrungssuche“, erklärt Herper. Besonders günstig sei ein Mix aus bewirtschafteten und unbewirtschafteten Flächen, dort finden die Tiere sowohl Nahrungs- als auch Rückzugsraum. Das gilt auch für andere Wiesenvögel, beispielsweise für das Braunkehlchen.
Mit dem Hochwasser zu leben, haben die Menschen an der Elbe über Generationen gelernt. Nach den „Jahrhundertfluten“ von 2002 und 2013 wurden Deiche zurückverlegt, andere wurden erneuert oder saniert. Dennoch sucht sich das Dränwasser naturgemäß bei jedem Hochwasser unter dem Deich seinen Weg ins Binnenland. Das dadurch vernässte Grünland sei ein Faktor, auf den man reagieren müsse, auch wirtschaftlich, betont Herper. Früher wurden diese Flächen beweidet, heute funktioniere das aber nicht mehr, das sei dem Markt geschuldet. Wenn Beweidung aber wirtschaftlich nicht mehr funktioniert, müssen andere Strategien gefunden werden. „Zusammen mit den Agrarbetrieben haben wir eine Biogasanlage errichtet, die auch Grünschnitt vergärt. Mittelfristig können wir auf diese Weise die Bewirtschaftung des Grünlandes sicherstellen.“
Noch nicht zufrieden ist der langjährige Hobby-Landwirt allerdings mit der Durchführung der Mahd, die hätte er gerne zeitlich gestaffelt. Für die Bauern wäre das aber mit höherem Aufwand verbunden. Von der Landesregierung wünscht sich Herper, dass solche Leistungen wieder über den Vertragsnaturschutz honoriert werden könnten. Dass auch ohne dieses Geld bereits viel erreicht wurde, sei der inzwischen sehr guten Vernetzung aller Aktiven – neben der Naturwacht und den Landwirten sind dies vor Ort vor allem NABU und Storchenclub – zu verdanken und der Bereitschaft, auch freiwillig Maßnahmen umzusetzen. Das sei zwar ein längerer Prozess gewesen, heute wisse aber jeder, wie der andere denkt. Oft hänge es an einzelnen Personen, um Dinge auf den Weg zu bringen, die Naturwacht übernimmt dabei meistens eine koordinierende Funktion.
Die Grundlage für Vertrauen ist jedoch Verlässlichkeit. „Wir brauchen Programme, die länger reichen, als nur von einer Wahlperiode bis zur nächsten. Kurzfristiges Handeln honoriert einem die Natur nicht“, weiß Herper aus jahrzehntelanger Erfahrung. „Das müsste noch nicht einmal unheimlich viel Geld kosten. Gerade beim Wiesenbrüterschutz würde uns eine verlässliche Förderung die Arbeit um einiges erleichtern. Wenn wir da nicht weiterkommen, werden wir weitere Artenrückgänge, vor allem bei den Brutvögeln, erleben. Die Landesregierung wird sich dieser Diskussion nicht verweigern können.“
Ganz unabhängig von Vernetzung und Förderung verhält sich das Wetter. Extrem feuchte Jahre, wie 2013, sind in der Regel gute Storchenjahre – den zahlreichen Amphibien sei Dank. Das kommt aber nicht so oft vor, häufiger sind die trockenen Jahre wie 2003 oder 2005 – Brandenburg unterliegt kontinentalem Einfluss. Wenn das Hochwasser ausbleibt, bleiben die Flächen auf der Binnenseite des Deichs trocken und das Laichen der Amphibien fällt aus. Um dies zu verhindern, wurde im Rühstädter Umland ein System von Teichen angelegt. „Wenn die Amphibienpopulation völlig zusammenbricht, hätten wir sonst einen Ausfall von zwei Jahren. Die Amphibienpopulation müsste sich schließlich erst wieder aufbauen“, erklärt Herper. Ein glücklicher Umstand sei es gewesen, dass die Teiche gemeinsam mit dem Neubau der Deiche angelegt wurden. Der Aushub konnte gleich weiterverwendet werden. Noch ist das 2008 begonnene und aus Mitteln der Ausgleichsabgabe finanzierte Programm nicht abgeschlossen, noch immer kommen weitere Teiche hinzu.
Eine viel größere und kaum vor Ort lösbare Aufgabe sieht Herper an ganz anderer Stelle: „Landwirte agieren heute in einem Markt, der von wenigen Handelsketten vorgegeben wird. Und dann kommt auch noch der Naturschutz mit seinen Forderungen. Kaum einer der Konsumenten ist jedoch bereit, mehr für seine Lebensmittel zu bezahlen. Solange an dieser Stelle kein Bewusstseinswandel stattfindet, wird Naturschutz auf breiter Fläche kaum möglich sein. Umweltbildung, speziell landwirtschaftliche Umweltbildung, ist darum so ungemein wichtig. Einem Großteil der Bevölkerung ist der Zusammenhang von Landwirtschaft und Landschaft gar nicht bewusst – da müssen wir ansetzen.“

Christof Ehrentraut

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