Hintergrundelement
Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv

Ausgabe 2/2018

Wo Wasserbüffel auf Strand-Astern und Rotschenkel treffen

Landschaftspflege auf Flächen der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg am Jeseriger Bruch im FFH-Gebiet Rietzer See

Strand-Astern, Strand-Milchkraut und Strand-Dreizack – das klingt nach Küste, steifer Brise und salziger Seeluft. Doch diese salzliebenden Pflanzen haben mitten in Brandenburg, fernab des Meeres, einen Lebensraum gefunden: Im Naturschutzgebiet Rietzer See befindet sich die bedeutendste Binnensalzstelle Brandenburgs. Die Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg besitzt in dem Natura 2000-Gebiet 124 Hektar Eigentumsfläche, davon 64 im Jeseriger Bruch nördlich des Rietzer Sees. Neben der Pflege der Flächen zum Wohle der Salzvegetation werden dort auch die Bedürfnisse von Wiesen- und Schilfbrütern berücksichtigt. Von diesem Spagat profitieren zahlreiche bedrohte Arten.

Tief ducken sich die Salzwiesen in das FFH-Gebiet. Weder Regen- noch Grundwasser gelingt es, von dort in die Havel abzufließen. Das Wasser sammelt sich unter der Oberfläche oder steht für bis zu neun Monate im Jahr auf den Wiesen. Das erschwert eine landwirtschaftliche Nutzung der Flächen enorm – kein Wunder, dass die nassen Salzwiesen über lange Zeit nicht mehr regelmäßig bewirtschaftet wurden. In der Folge hatte sich auf der Fläche Schilf ausgebreitet. Zwar fühlten sich dort nun Arten wie der Schilfrohrsänger sehr wohl, doch die Besonderheiten des Standortes – die kleinen salzliebenden, aber konkurrenzschwächeren Pflanzen – wurden verdrängt.
Um den Salzwiesen am Rietzer See wieder eine Zukunft zu geben, wurde dort von 2005 bis 2010 das EU LIFE-Projekt „Binnensalzstellen in Brandenburg“ unter der Leitung von Dr. Holger Rößling umgesetzt. Als ein Resultat des Projekts weiden auf den nährstoffarmen Salzwiesen heute Wasserbüffel, die sowohl hohe Wasserstände als auch karge Kost vertragen. Sie halten die Fläche frei von hochwachsendem Bewuchs und schaffen den kleinen Salzpflanzen Platz und Licht.
Das Ergebnis sieht jedes Jahr im Spätsommer fantastisch aus: Ein zart rosa und lila leuchtendes Blütenmeer bedeckt große Teile der Salzwiese. Wo Andreas Herrmann (Landesamt für Umwelt, LfU) 1992 den Bestand noch auf ca. 100 Strand-Astern schätzte, war 2017 eine weitläufig blühende Wiese mit hunderttausenden Strand-Astern zu bestaunen – ein einmaliger Anblick, der auch zahlreichen Insekten Lebensraum bietet.
Die extensiv genutzten Flächen ziehen auch zahlreiche Wiesenbrüter an, unter anderem geschützte Arten wie Kiebitz, Bekassine oder Rotschenkel. Letztere besiedelten erstmals 2010 die von den Wasserbüffeln im Herbst zuvor freigefressenen und überstauten Abschnitte. Konkrete Zahlen zu den Beständen liefert jährlich Schutzgebietsbetreuer Gertfred Sohns. Er führt im Jeseriger Bruch seit über zehn Jahren ein Brutvogelmonitoring durch und stellt seine jährlichen Ergebnisse der Staatlichen Vogelschutzwarte, dem NaturSchutzFonds sowie der Unteren Naturschutzbehörde zur Verfügung.
Um den Wiesenbrütern möglichst günstige Brutbedingungen zu bieten, stimmen sich NaturSchutzFonds, LfU, Landnutzer und Schutzgebietsbetreuer jährlich auch zu den Bedürfnissen der Brutvögel ab und besprechen, wie die Flächen genutzt werden sollten. Inzwischen ist dort ein breites Mosaik aus beweideten, unbeweideten und spät gemähten Abschnitten entstanden. Denn es hat sich gezeigt, dass die Brutbedingungen durch Teilbeweidungen und späte Mahd für das darauffolgende Jahr teilweise gesteuert werden können. Eine spät genutzte Fläche sollte im Folgejahr bis Mitte Juli frei von jeglicher Nutzung bleiben – dann haben Wiesenbrüter Gelegenheit, ihre Bruten aufzuziehen.
Was aber wurde aus dem Schilfrohrsänger, der durch die Wasserbüffel einen Teil seines Lebensraumes verloren hatte? Er kann noch immer im Schilf abtauchen: Entlang stillgelegter Entwässerungsgräben wurden mindestens drei Meter breite, ungenutzte Randstreifen mit Altgrasflächen und Schilf erhalten. Dort brütet er nun gemeinsam mit Rohrammern, Schwirlen, Bartmeisen und Schafstelzen.
Durch den Einsatz zahlreicher Akteure konnten auf den Flächen der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg am Rietzer See wertvolle Bereiche für Salzpflanzen gesichert und gleichzeitig günstige Brutbedingungen für zahlreiche Wiesen- und Schilfbrüter geschaffen werden – ein buntes Zusammenspiel für den Erhalt unserer biologischen Vielfalt.

Roswitha Deichsel

Info: Binnensalzstellen

Natürliche Salzstellen gehören im Binnenland zu den geobotanischen Besonderheiten. Die Salze stammen vor allem aus Ablagerungen des Zechsteinmeeres, das hier vor rund 250 Millionen Jahren die Oberfläche bedeckte. Normalerweise verhindern trennende, undurchlässige Tonschichten den Kontakt von Grundwasser und Salz. An einigen Stellen fehlen diese Tone jedoch, sodass die Salze mit dem Grundwasser in Berührung und mit ihm an die Oberfläche gelangen. Für die meisten Pflanzen ist dieser salzige Boden lebensfeindlich. Es gibt jedoch einige Spezialisten, die sich an diese Bedingungen angepasst haben. Das Strand-Milchkraut zum Beispiel besitzt an den Rändern seiner Blätter salzausscheidende Drüsen. Die Strand-Aster wiederum lagert das Salz in ihren Blättern so lange ein, bis diese absterben und Platz machen für neue Blätter, die wiederum Salz aufnehmen können. Auch der Strand-Dreizack wirft versalzene Blätter einfach ab. Da seine dickfleischigen Blätter aber kaum Wasser verdunsten, muss die Pflanze nur wenig Salzwasser aus dem Boden aufnehmen.

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

AKTUELLE

Ausgabe 4/2018

Pfeil blue

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe des Naturmagazins
mehr...