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Lebenslanges Lernen

Ökowerk-Imker Carsten Rühl beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Wesen der Bienen

Anfang Februar hatte ich die Gelegenheit, mich mit unserem Ökowerkimker Carsten Rühl über die Situation der Bienen und das Imkern im Allgemeinen zu unterhalten.

Bettina Funke: Was hat Dich zu den Bienen geführt?
Carsten Rühl: Zu den Bienen bin ich erst im zweiten Anlauf gekommen. Anfang der 1990er Jahre kaufte ich mir ohne Vorwissen zwei große, sehr schöne Bienenvölker. Die vielen Tausend Bienen überforderten mich, und im zweiten bzw. dritten Jahr waren beide Völker tot. Ich beschäftigte mich aber immer noch mit dem Thema. So hatte ich das Bienen-Journal abonniert und viele Bücher über Bienen und Imkerei. Wegen meiner Tochter bin ich über meinen Bienenvater, der die Bienen-AG betreute, wieder näher an das Thema herangekommen. Der Kontakt zur Imkerei wuchs ganz langsam. Irgendwann hatte ich dann ein eigenes Bienenvolk auf Probe, was jetzt sehr gut lief, und nach und nach kamen mehr Völker hinzu. Es war ein ganz gemächliches Wachsen. Das Erlernen der Imkerei braucht einfach Zeit. Es geht über Jahre und ist noch immer nicht abgeschlossen. Das Wesen der Bienen erfassen lernen, ist eine lebenslange Aufgabe. Es ist nicht damit getan, ein Buch zu lesen, den bei den eigenen Bienen ist es oft ganz anders. Die lesen andere Bücher (lacht).

Du bildest auch Hobby-Imker aus. Was ist dir dabei besonders wichtig und welche Eigenschaften werden unbedingt gebraucht?
Wenn in den Medien über Bienen gesprochen wird, geht es meistens nur um die Honigbiene, doch für den Naturschutz sind die anderen Bienenarten viel entscheidender. Weltweit gibt es nur eine Handvoll Honigbienenarten, doch über 20.000 Bienenarten, die keinen Honig produzieren. Für das Ökosystem sind gerade sie unentbehrlich. Die meisten Kursteilnehmer, die mich durch ein Bienenjahr begleiten, fangen keine eigene Imkerei an. Sie sind aber für das Thema Bienen sensibilisiert, aufmerksam und bereit, sich dafür einzusetzen. Die Leute kommen natürlich über die Honigbiene zu den Bienen. Sie mögen Honig und Bienenwachs, wollen das dann selber machen und merken nun, was für eine Arbeit dahintersteckt. Ruhe, Geduld und ein Grundinteresse für die Natur sind hier unentbehrlich.

Wie viele Imker gibt es in Berlin und Brandenburg und welche Probleme können anfangs entstehen?
Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschen Bienen halten. Viele gucken sich im Internet dazu Videos an, doch das reicht nicht. Im ersten Jahr läuft es meistens noch ganz gut, im zweiten Jahr ist eine große Vermehrung angesagt, im dritten Jahr gibt es das große Sterben. Doch so lange halten die meisten gar nicht durch. Wie kommt es nun zu der großen Vermehrung im zweiten Jahr? Die normale Vermehrung der Biene ist der Schwarm. Die Königin des Vorjahres verlässt gemeinsam mit den Schwarmbienen das Bienenvolk, um an anderer Stelle ein neues Volk zu gründen. Ihr altes Zuhause überlässt sie der neuen Königin, die dort schlüpfen wird. Hat der suchende Schwarm eine neue Behausung gefunden, muss er sich dort aber erst ein neues Zuhause einrichten. Zum Schwärmen kommt er daher erst im Folgejahr. Das ist letztendlich immer der Fall. Der Schwarm richtet sich ein, baut und schwärmt dann im nächsten Jahr. Wenn dieses Schwärmen stattfindet, sind es 40.000 bis 50.000 Bienen, die umherfliegen. Den meisten Bienenhaltern fehlt im zweiten Jahr aber die nötige Erfahrung, um ein Bienenvolk richtig zu beurteilen und auch die Routine, um die Arbeiten am Bienenvolk zu verrichten. Das Bienenvolk wird sich dann selbst überlassen, wintert nicht richtig ein und geht im dritten Jahr oft zugrunde. Das Motiv „ich möchte der Natur helfen“ kann dann mehr Schaden als Nutzen verursachen, denn oft werden auf diese Weise Krankheiten und Parasiten verschleppt. Andere Bienen räubern nämlich oft diese sterbenden oder verlassenen Bienen aus und stecken sich dabei an. So kann sich beispielsweise die Varroamilbe verbreiten.

Was kann Menschen dauerhaft motivieren, als Hobbyimker tätig zu sein?
Es ist der unmittelbare Kontakt zur Natur. Die Bienen sammeln Nektar und Pollen. Wenn ich mich für Bienen interessiere und vielleicht sogar eigene Honigbienen in meinem Wohnumfeld halte, ändert sich der Blick auf die Natur. Plötzlich interessiere ich mich dafür, was in meiner Nähe blüht und ob es sich um dabei Pflanzen handelt, die Bienen Pollen- und Nektar spenden können. Bäume können sehr gute Pollen- und Nektarspender sein – ein großer Baum kann mehr Nektar und Pollen geben als tausende einjähriger Pflanzen, die jedes Jahr neu gesetzt werden. In Berlin werden derzeit viele alte, bienenfreundliche Bäume – beispielsweise Linden – gefällt. Jeder kann sich in seinem Bezirk dafür einsetzen, dass mehr bienenfreundliche Bäume gepflanzt werden, also Bäume, die zu ihrer Blüte viel Nektar und Pollen geben.

Wie wirkt sich der Pestizid-Einsatz in der Landwirtschaft auf die Bienen aus?
Glyphosat und Neonikotinoide sind unterschiedlich. Glyphosat ist ein Total-Herbizid und Neonikotinoid ein systemisches Insektizid. Wird Glyphosat in der Natur auf dem Feld aufgebracht, wachsen dort keine Pflanzen mehr. Es wurde in der Presse bekannt, weil gleichzeitig genmanipulierte Pflanzen entwickelt wurden, die so optimiert waren, dass sie durch den Eintrag von Glyphosat nicht gehemmt wurden und ganz normal wuchsen, beispielsweise Sojapflanzen. Durch den Einsatz von Glyphosat wachsen aber diejenigen Pflanzen nicht mehr, auf die Insekten und andere Tiere angewiesen sind, wenn sie überleben wollen.
Die Neonikotinoide wirken systematisch, das heißt, die gesamte Pflanze ist während der Vegetationsperiode vergiftet. Und alle Pflanzen in der Umgebung, die diese Gifte über den Boden aufnehmen, und alle Teile dieser Pflanze sind ebenfalls vergiftet, also ihr Nektar, Pollen, Schwitzwasser etc.. Alle Tiere, die von dieser Pflanze leben, werden geschädigt oder sogar vergiftet, vor allem Insekten aber auch Amphibien und Vögel, wahrscheinlich auch die Mikroorganismen im Boden. Nur mal zum Vergleich: Ein Gramm Neonikotinoid kann sieben Kilogramm DDT ersetzen und auch die Abbauprodukte sind giftig. In Kombination mit Fungiziden kann sich die Wirkung der Neonikotinoide auch noch vervielfachen. Die Schädigung betrifft das Nervensystem. Gerade für staatenbildende Insekten wie Bienen und wahrscheinlich auch Ameisen ist das fatal. Sie sind auf interne Kommunikation angewiesen, damit der Superorganismus „Staat“ funktioniert. Ist diese Kommunikation nicht mehr so effektiv, werden zum Beispiel auch nicht mehr so viele Vorräte angelegt, der Nachwuchs wird nicht mehr so gut versorgt und es beginnt eine langsame und stetige Abwärtsbewegung, die letztendlich zum Zusammenbrechen der Völker führt. Im Versuch konnte gezeigt werden, dass in einem Hummelvolk, das mit Neonikotinoiden kontaminiertes Futter (herkömmliches Saatgut ist prophylaktisch mit Neonikotinoiden behandelt) bekommen hat, äußerlich normal wirkte, aber nur noch zwei bis drei Königinnen schlüpften. Normalerweise wären es 14! In der Natur gründet nur jede zehnte Hummelkönigin ein neues Volk, welches wieder neue Königinnen hervorbringt.
Zwischen der Schädigung und dem Zusammenbruch des Systems können Wochen und sogar Monate vergehen. Für die Zulassung von Insektiziden ist aber der Zustand der Insekten nach mehreren Wochen oder Monaten ohne Bedeutung, da bei der Zulassung nur geschaut wird, wie viele Tiere nach zwei Tagen noch am Leben sind. In welchem „mentalen“ Zustand diese Tiere sind, wird nicht beurteilt. Die Folgen können wir gerade in der Natur beobachten. Meiner Meinung nach müssen die Zulassungsverfahren unbedingt verändert werden.

 

Bettina Funke
Ökowerk Berlin e.V.


Tipp

Am 8. Juli 2018 haben auch alle „Nicht-Imker“ die Möglichkeit, zusammen mit Carsten Rühl Bienenstöcke zu besuchen und bei der Honigernte zu helfen

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