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Ausgabe 2/2018

Grau im alten Zauber

Viele Zauber vergehen mit den Jahren. Nicht beim Frühling. Wie ein kleiner Junge kann ich kaum erwarten, bis er von Neuem beginnt. Sich die erste Feldlerche trillernd in den Himmel schraubt. Am ersten warmen Tag, meist im März, sitze ich an meinem Platz am Waldrand. Unter einem früh blühenden Spilling. Kraniche trompeten ihre Reviergrenzen in die Uckermark. Hundertschaften von Singschwänen warten auf südlichere Tage, ehe es sie nach Norden, Osten drängt. Lausche Meisen, Kleibern, ersten Wirbeln der Spechte. Freue mich unbändig auf all die Sänger, die noch fehlen.

Längst steigen die Säfte in den Bäumen. Leberblümchen spiegeln mutig himmelblau. Ein aufgewecktes Tagpfauenauge, das sein Glück sucht, bevor es wieder in Kälte erstarrt. Balzblaue Moorfrösche habe ich noch nicht gehört. Das Jahr scheint endlos vor mir zu liegen, wechselt wankelmütig zwischen Nachtfrösten und Sonnentagen.
Im Mai trifft sich mein Frühling mit dem Sommer. Storchenpaare füttern frühe Küken. Im Buchenwald sind fast alle Vögel da, ihr Morgenkonzert füllt den grünen Dom.
Im ersten Zauber hängen Spuren von grau. So wenig Rauchschwalben gaukeln in diesem Jahr über unserem Ort. Ich hoffe, dass sie viel Nachwuchs in unsere Welt setzen. Dass es nicht zu heiß wird, keine mehrtägige Kaltfront ihre Jungen raubt. Insekten schwirren im Abendlicht über dem Feld. Bei uns gibt es sie noch. Wildbienen graben Sandwiegen.
Meine Honigbienen sind gut über den zunächst ausgefallenen und ab Februar frierenden Winter gekommen. Jetzt blühen satte Rapsfelder. In diesem Jahr auch direkt um unser Haus. Ich habe den landwirtschaftlichen Betrieb gebeten, nur in den Abendstunden bienengiftige Mittel zu spritzen. Ich kenne das Gefühl, wenn an einem sonnigen Tag ein ganzes Volk im Raps stirbt.
Ende April bis in den beginnenden Mai wird Mais gedrillt. Alle, die auf dem Boden brüten, werden überfahren, von scharfen Eggen geschreddert. Ich wüsste nicht, wie es anders ginge. Zugleich bleibt die Frage, ob so viel Mais sein muss. Zunehmend auf einem Feld viele Jahre am Stück. Da bleibt kein Raum für Regenwürmer, die Erde fruchtbar machen, die in Röhren Niederschläge in den Boden leiten. Es berührt mich, wenn am Tag nach dem Drillen Lerchen am Himmel stehen. Reviergrenzen für eine zweite Brut in den Himmel singen.
Jetzt beginnt die hohe Zeit der Schmetterlinge. Werde ich an Möhre, Weinraute oder Dill auch in diesem Jahr wieder ein, zwei fette schwarzgelb gebänderte Raupen vom Schwalbenschwanz entdecken? Wird der Igel wieder im Garten patrouillieren? Eigentlich müssten Laubfroschchoräle an lauen Abenden über das Land wehen. Die melancholischen Rufreihen der Rotbauchunken machen sich rar.
Am Ende meines Frühlings stehen zwei große Wünsche für das Jahr. Ausreichend Wasser für Bäume, Moore, Sölle und Seen. Und über allen Feldern Raum für Leben.

Roland Schulz

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