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Ausgabe 2/2018

Moor erleben

Unterwegs im NSG Lange Dammwiesen

„In den Langen Dammwiesen kommen die am besten ausgeprägten Kalk-Zwischenmoore auf Quellstandorten vor, die in Brandenburg erhalten geblieben sind.“ Wiesen, Moore, Quellen, am besten erhalten in Brandenburg? Das lässt aufhorchen! Wobei die zitierte Schilderung der Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg eher wissenschaftlich und nüchtern klingt. Wer aber einmal entlang der nahe Strausberg gelegenen Lange Dammwiesen unterwegs war, wird von der Schönheit der Landschaft aus Wiesen, Gebüschen, geschwungenen Waldrändern entlang der hügeligen Umgebung, Quellen und Fließgewässern begeistert sein. Die Rufe von Kranichen und Schwarzspechten sind dort ebenso zu vernehmen, wie Heckrinder, Koniks und andere Weidetiere zu beobachten sind, die mit ihrem Hunger das Pflanzenkleid der Wiesen kurz halten.

Das Besondere der Lange Dammwiesen verrät sich am besten beim Blick aus der Luft – wem das nicht möglich ist, der kann das Gebiet aber auch auf einer Karte betrachten. So betrachtet, wird nämlich sichtbar, dass ein System aus Entwässerungsgräben die Wiesen durchzieht. Sie werden von unzähligen Quellen gespeist, die sich an den hügeligen und geschwungenen Rändern der Wiesen aufreihen. Die Quellen schütten permanent nährstoffarmes Wasser, und so haben sich im Lauf der zurückliegenden Jahrhunderte mächtige Torfschichten bilden können. Diese bestehen aus abgestorbenen Pflanzenresten, die infolge des vielen Wassers im Boden von der Luft abgeschlossen waren und nicht verrotten konnten – das ist das typische Kennzeichen der Moore. Allerdings: Es sind lange Zeiträume nötig, damit die Moorböden wachsen. Im Schnitt sind es tausend Jahre für einen Meter. Unter den Lange Dammwiesen lagert eine bis zu fünf Meter mächtige Moorschicht.
Beim Blick auf eine Landkarte sollte unbedingt deren Herstellungsdatum geprüft werden, denn in den vergangenen Jahren hat sich in den Lange Dammwiesen eine Menge verändert. Dem fischgrätenförmigen System von Entwässerungsgräben sind in jüngster Zeit etliche Gräten verlorengegangen. Zunächst hatten Naturschützer seit Jahrzehnten das Gebiet betreut und gepflegt, indem sie die Wiesen mähten und Gehölze zurückgedrängt haben. Der seit Jahrzehnten abgesenkte Grundwasserstand blieb dabei jedoch erhalten. Vor wenigen Jahren wurden dann etliche Entwässerungsgräben verschlossen. Gepaart mit der Verlangsamung der Fließgeschwindigkeit des Stranggrabens führte dies wieder zum weiträumigen Anstieg des Grundwasserstandes. Nachdem schließlich mit speziell umgebauten Pistenraupen die oberste Pflanzenschicht der Wiesen entfernt worden war, konnten nun die ursprünglichen Torfmoose wieder Tritt fassen – das Moor wächst nach Jahrzehnten wieder. Um das Land weiterhin offen zu halten, grasen verschiedene Weidetiere im Gebiet. Wasserbüffel können beobachtet werden. Den Tieren macht es nichts aus, bis zum Hals im Wasser zu stehen. Koniks, eine robuste Pferdeart, sind ebenso zu entdecken, wie Heckrinder, eine auch im Winter draußen zu sehende Art. Parallel zu den Pflegemaßnahmen auf den Wiesen wurden die begradigten Wasserläufe in den Wäldern durch geschickt im Wasser platzierte Baumstämme gebremst. So wird in den Lange Dammwiesen das nach den vielen Hochwasserkatastrophen ausgerufene Motto umgesetzt, Wasser möglichst lange in den Landschaften zu halten und nicht schnell abzuleiten.


Natur
An oberster Stelle der bemerkenswerten Arten stehen die Tiere und Pflanzen der Wiesen. Hier sind etliche vorhanden, die landesweit stark zurückgegangen sind, etwa der Große Feuerfalter, ein prächtiger Schmetterling. Mehrere Orchideenarten gedeihen auf den Wiesen, ebenso Türkenbundlilie sowie Pracht- und Kuckuckslichtnelke, Trollblume und Sumpf-Herzblatt-Arten, die einst im ganzen Land auf Wiesen zu sehen waren und heute durch Entwässerung und Intensivierung der Landnutzung selten geworden sind. Auf den wiedervernässten, nährstoffarmen Mooren gedeihen neben einigen Braunmoosen auch Sumpf-Ständelwurz, Sumpf-Herzblatt und Breitblättriges Wollgras. Zu den herausragenden Vogelarten gehört die Bekassine, auch Himmelsziege genannt. Ihren Namen verdankt sie dem Geräusch, das von der an den Flügen im schnellen Flug vorbeistreichenden Luft verursacht wird. Weitere Bewohner der feuchten Wiesen sind Braunkehlchen, Schlagschwirl und Sumpfrohrsänger. Fischotter nutzen die Wasserwege und Seeadler das Nahrungsangebot, das sich auf den ungestörten Wiesen bietet.


Geologie

Unter Geologen gilt das Gebiet als besonderer Tipp, sind doch seltene eiszeitliche Bildungen zu sehen. Die Niederung der Lange Dammwiesen entstand in der letzten Eiszeit, als zunächst Schmelzwasser, das unter dem Eispanzer floss, das flache Gelände formte. Beim Abtauen der Gletscher am Ende der Kaltzeit sammelte sich das im Eis enthaltene Material. Sand und Geröll blieben teils in langen Dämmen, teils als einzelne Hügel zurück. Auf diese langen Dämme, die von Nordost nach Südwest das Wiesenland durchsetzen und deren Entstehungsgeschichte lange Zeit rätselhaft war, geht der Name Lange Dammwiesen zurück. Sie erheben sich mehrere Meter aus der Niederung und tragen meist ein Kleid aus Gehölzen. Die nach Süden gerichteten Hänge ziehen wärmeliebende Lebewesen an.

Tourenvorschlag

Für eine Wanderung durch das Gebiet bieten sich zwei Ausgangsorte an: Der S-Bahnhof Strausberg oder die Dorfmitte von Hennickendorf mit der Dorfkirche. Am nahegelegenen Fuß des Wachtelbergs befindet sich ein Parkplatz, und der Aussichtsturm auf dem Wachtelberg bietet eine gute Gelegenheit, wie eingangs beschrieben von oben auf das Gebiet zu schauen. Von der Kirche sind es nur wenige Schritte zum idyllisch gelegenen Kleinen Stienitzsee, dem zahlreiche Quellen beiderseits des Uferwegs Wasser zuführen – ein Vorgeschmack auf die naturnahen Quellen im weiteren Verlauf. Am Ende an der Hennickendorfer Mühle entlang, in der ein Hofladen und ein Imbiss locken, weiten sich die Lange Dammwiesen. Auf dem Weg am östlichen Rand entlang, können wir etliche Weidetiere aus nächster Nähe sehen und gehen mal durch offenes Hügelland, mal durch hügelige Wälder. An einem schattigen Rastplatz bietet sich die Gelegenheit, etwas von oben auf die Wiesen zu schauen. Entlang der steil abfallenden Hänge zur Niederung sind immer wieder Quellen auszumachen. Auf der Trasse einer ehemaligen Kleinbahn führt der Wanderweg an die Gleise der Ostbahn, der Bahnlinie nach Küstrin. Vom Damm der Bahn lässt es sich gut in den im Tal gelegenen Bruchwald blicken. Wer die Tour am S-Bahnhof Strausberg beginnt, trifft – stets der Markierung des 66-Seen-Wanderwegs folgend – dort auf die beschriebene Rundtour.
Vorbei an prächtigen Laubmischwäldern, in denen im April und Mai Frühblüher den Boden mit Farbtupfern überziehen, geht es wieder an den Rand der Lange Dammwiesen heran. Ein Stück zur Linken befindet sich ein Hügel, der aus Naturschutzgründen frei von Gehölzen gehalten wird. Wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten sollen dort geeignete Bedingungen finden. Für Wanderer wichtig zu wissen: Kein Weg führt durch die Niederung zum gegenüberliegenden Wiesenrand hinüber – das Gebiet ist der Natur vorbehalten. Bald ist die Siedlung Torfhaus erreicht, wo ein früheres Chausseehaus daran erinnert, dass dort einst die Grenze zwischen Nieder- und Oberbarnim verlief. Bis zur Absenkung des Wasserspiegels des Großen Stienitzsees 1858 verlief das Seeufer auf der anderen Straßenseite. Heute müssen Wanderer ein ganzes Stück Bruchwald und halboffenes Land durchqueren, bis die funkelnde Wasserfläche erreicht ist. Im Sommer kann dort gebadet werden. Nach Hennickendorf zurück führt ein teils auf Holzbohlen verlaufender Weg in Ufernähe. Mittendrin liegt eine kleine Lichtung, auf der sehr viele der Wiesenblumen zu sehen sind, die auf den Lange Dammwiesen vorkommen. Wer also ein Fernglas im Gepäck hat, kann dort vieles von dem sehen, was für das ganze Schutzgebiet typisch ist. Die Wiese wurde vor wenigen Jahren von aktiven Natur- und Landschaftsschützern angelegt und ist ein Höhepunkt der ganzen Runde. Kurz darauf ist Hennickendorf erreicht, bis zur Dorfkirche sind es nur ein paar Schritte bergan.

Schutzstatus

Teile des Gebietes stehen bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts unter Schutz. 1951 wurde das 52 Hektar große „NSG Lange Dammwiesen und Unteres Annatal“ ausgerufen, das 2005 zum NSG „Herrensee, Lange Dammwiesen und Barnimhänge“ erweitert wurde (FFH-Gebiet mit gleichem Namen).

 

Links

lange-damm-wiesen.de
kalkmoore.de/projektgebiete/lange-dammwiesen.html
nabu.de/natur-und-landschaft/schutzgebiete/nabu-schutzgebiete/brandenburg/05861.html


Carsten Rasmus
Buchautor und Verleger

 

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