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Fahrziel Natur

Naturtourismus gelingt in Brandenburg allzu oft nur mit dem PKW

Ich gestehe es freimütig: Ich bin ein typischer Naturkonsument. Wohnhaft in Berlin, nutze ich die Wochenenden gerne, um mit vielen anderen zusammen über das brandenburgische Umland herzufallen und – oftmals von einer Pension oder einer Ferienwohnung aus, die auch am Wochenende mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein sollte – einige für diese Zwecke vorgesehene Runden auf markierten Pfaden durch eine möglichst attraktive Landschaft zu drehen. Der Deal ist in der Theorie einfach: Ich bekomme Erholung und Anregungen, dafür lasse ich einen Teil meiner Einkünfte bei regionalen Anbietern. Hilfreich dabei sind Bemühungen, touristische Angebote zu bündeln, wie es z. B. mehr und mehr in den Großschutzgebieten geschieht. Die Probleme beginnen wie immer in der Praxis. Deshalb möchte ich in dem folgenden Beitrag etwas ausführlicher bei dem Aspekt der tatsächlichen Nutzbarkeit touristischer Angebote verweilen, in diesem Falle derjenigen des Nationalparks Unteres Odertal. Denn obgleich Reinald Grebe nicht mein Lieblingskabarettist ist, kommt mir doch in manchen Situationen sein ebenso bekanntes wie unfreundliches Lied über Brandenburg in den Sinn. Zwischen solch pauschalem Verriss und manchen bunten Informationsseiten im Internet ist kein Zusammenhang erkennbar, beide Zugänge sind jedoch ebenso zutreffend wie falsch. Lösungsansätze habe ich nicht anzubieten. Meine Hoffnung ist, dass eine Beschreibung der Situation aus Nutzersicht helfen kann, differenziertere Diskussionen anzuregen. Dass es im Folgenden um das Untere Odertal gehen wird, ist eher Zufall.

Im zeitigen Frühjahr sind der interessanten Ausflugsziele nicht viele, und so kam es mir gelegen, dass mein Kollege Roland Lehmann kurz vor Ostern beiläufig erwähnte, in einem Waldstück bei Stolpe an der Oder sei so ziemlich das vollständige Arteninventar an Frühjahrsblühern vertreten, das man in Brandenburg erwarten könne. Eine Quartiermöglichkeit fand sich in Criewen, dem Standort des Nationalparkzentrums. Das erste Haus am Platze, die "Linde", hatte zwar eine Feier, aber im "Storchennest" konnte man uns noch aufnehmen. Entgegen unserer Gewohnheit entschieden meine Frau und ich uns für eine Anreise mit dem Auto. Criewen ist im Prinzip gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, da ein erstaunlich häufig verkehrender Bus zwischen Schwedt und Angermünde dort hält (auch am Wochenende!). Aber wir waren misstrauisch. Wenn in der "Linde" geschlossene Gesellschaft war, wie würde sich die abendliche Nahrungssuche gestalten?
So nahmen wir den karfreitäglichen Stau in Kauf und gelangten glücklich in unsere einfache und freundliche Pension. Der erste Gang nach einer Stärkung im Eiscafé führte in das Nationalparkzentrum, in der Hoffnung auf Informationsmaterial. Wir wurden nicht enttäuscht: Drei kostenlose (und übrigens auch im Internet verfügbare) Faltblätter informieren über Wanderwege, die extra angelegt worden waren, um den Besuchern unterschiedliche Aspekte von Natur und Landschaft des Nationalparks näher zu bringen. Im angeschlossenen Nationalparkladen gab es noch die passende Wanderkarte und sogar etwas Verpflegung für den Rucksack, nämlich Knacker und Käse aus regionaler Produktion.
Allerdings scheiterte der Versuch, den relativ kurzen „Auenpfad“ noch am selben Nachmittag auszuprobieren – aufgrund des hohen Wasserstands im Polder ist er im April noch nicht begehbar. Es blieb bei einer kleinen Runde über die Wiesen, welche der erste zurückgekehrte Criewener Weißstorch ansonsten noch fast für sich alleine hatte.
Mittlerweile hatten wir auch die „Linde“ schon ein paar Mal umkreist – das bleibt nicht aus in so einem kleinen Ort – und den Hinweis zur Kenntnis genommen, man habe aufgrund von „Vorbereitungen“ geschlossen. Das Eiscafé schließt um 18 Uhr ebenfalls, und das war es dann mit der Gastronomie. Unsere Pensionswirtin wusste zu berichten, dass diese Situation leider keine Ausnahme sei und zudem noch die kleine Gaststätte im angrenzenden Zützen aus gesundheitlichen Gründen vermutlich dauerhaft geschlossen habe. Abgesehen von dem umfangreichen Angebot in Schwedt könne sie uns nurmehr das Oder-Hotel empfehlen, wenige Kilometer entfernt an der Landesstraße gelegen. Kein Problem, wir sind ja als Autotouristen in den Nationalpark gekommen. Das Essen jedenfalls war sehr lecker (und dementsprechend nicht ganz billig). Von Wanderern leben die dort vermutlich eher nicht.
Unsere Exkursion in den Gellmersdorfer Forst am nächsten Tag beginnt mit dem "Weg der Auenblicke", parallel zur Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße (HFW) nach Südwesten und zunächst durch einen Quellwald, dessen Boden zu dieser Zeit mit gelben Anemonen bedeckt ist – ganz kennt, die in diesem Wald fast völlig fehlen. Nur das Scharbockskraut gesellt sich stellenweise dazu. Das gelbe Windröschen scheint anspruchsvoller hinsichtlich Nährstoff- und Kalkgehalt des Bodens so wie man es sonst von den weißen Buschwindröschen zu sein als das weiße, so dass es sich nur selten durchsetzen kann. Gemischte Bestände haben wir nur ausnahmsweise gesehen.
Dort, wo uns der "Wilde Waldweg", die Nummer drei im Bunde der Nationalparkwege, nach Westen in die Hügel hinein verlässt, folgen wir einem Bohlenpfad durch ein sonst unpassierbares Sumpfgebiet, in dem uns leuchtend gelb die Sumpfdotterblumen begrüßen. Das ebenfalls gelbe, aber viel unauffälligere Milzkraut hätten wir wohl übersehen, wenn uns nicht der Flyer darauf aufmerksam gemacht hätte.
1 Foto aus Ordner "Milzkraut"
Fasziniert von der Landschaft und dem irgendwie dazu passenden eigenartigen Gesang des Rohrschwirls verweilen wir lange. Der Weg führt uns anschließend weiter durch den Wald und später an schönen Trockenrasenhängen vorbei, bevor er in Stützkow mit der "Himmelsleiter" und einer weiten Aussicht über das Odertal bis in das jenseitige Hügelland hinein endet.
Zwar war in unserer Karte eine direkte Fortsetzung entlang der HFW verzeichnet, diese scheint es jedoch nicht (mehr) zu geben. Deshalb folgen wir einer Markierung über die Hügel nach Neu Galow, um auf der Autostraße wieder hinab nach Alt Galow zu gelangen. Von dort geht es dann aber erneut auf einem Wanderweg direkt an der Wasserstraße und später an einem schönen Teichgebiet entlang nach Stolpe. Das Wahrzeichen des Ortes, den begehbaren Rest eines mittelalterlichen Burgturms, sparen wir für ein anderes Mal auf: die Zeit ist fortgeschritten, und jetzt wollen wir nach der langen Wanderung endlich in den gelobten Gellmersdorfer Forst. Dazu muss man hinter der Brücke – übrigens eine der letzten beiden originalen Brücken aus der Entstehungszeit der HFW – bis zum Ende des Parkplatzes weiter am Wasser entlanggehen und erreicht dort über einen Grabendurchlass einen Waldweg, der zunächst am Ortsrand nach Westen verläuft, sich aber alsbald zwischen Hügeln durch den Wald schlängelt.Und da sind sie dann wirklich, die vielen Arten. Neu für uns an diesem Tag – abgesehen von den weißen Teppichen der Buschwindröschen – sind vor allem der Hohle Lerchensporn, leider schon deutlich jenseits der Hauptblüte, und die zahlreichen Leberblümchen. Eher zufällig und abseits des Weges wurden wir auf die dem Boden fast anliegenden, rötlichen, auf den ersten Blick sehr unscheinbaren, bei näherem Hinsehen aber sehr hübschen Blütenstände der Schuppenwurz aufmerksam – eines Parasiten an den Wurzeln einiger Laubbaumarten, der keine grünen Blätter ausbildet. Zusammen mit etwas häufigeren Begleitern wir dem Echten Lungenkraut, dem Wald-Sauerklee und dem Wald-Veilchen sind wir immerhin bei elf Arten typischer Frühjahrsblüher angekommen. Um das Dutzend voll zu machen, hat uns Roland noch einen besonderen Tipp mit auf den Weg gegeben: Dort, wo man auf der Pflasterstraße, zu der uns unser Pfad mittlerweile geführt hat, den Wald nach Westen verlässt, muss man links den Hang hinaufsteigen. Jenseits der Kuppe sehen wir sie dann: die gelb leuchtenden Blüten der Adonisröschen. Auf dem Rückweg begleiten sie uns erstaunlicherweise noch etwa hundert Meter in den Wald hinein und scheinen dort sogar dichter zu stehen als auf der Wiese.
Muss ich noch erwähnen, dass wir, wieder in Stolpe, vergeblich nach einem Café oder Imbiss Ausschau halten? Tee und Schokolade aus dem Rucksack müssen reichen. Der Rückweg führt uns dann auf dem Radweg am Ostufer der HFW nach Criewen, etwas anstrengend für die Füße wegen der durchgehenden Asphaltbefestigung, aber erstens ist es der schnellste Weg und zweitens bevorzugen wir, wo immer möglich, Rundwege. Auch ist es nach so viel Wald angenehm, mit freiem Blick an den Wiesen entlang zu gehen.
Abends hat dann übrigens das gastronomische Angebot des Ortes eine wesentliche Ergänzung bekommen: Am Osterfeuer verkauft die Freiwillige Feuerwehr Bratwurst und Bier. Das ist nichts schlechtes, zumal nach einem langen Wandertag.

Arne Hinrichsen

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