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Ausgabe 1/2018

Erste sein

Frühes Blühen als Win-Win-Strategie

Wer mag sie nicht – Buschwindröschen, Winterlinge, Schneeglöckchen, Blausterne, Narzissen und was da noch alles den Reigen der Blüten im noch jungen Jahr eröffnet und den Frühling einläutet. Schließlich sind unsere Augen vom Grau der zurückliegenden Monate regelrecht farbentwöhnt und gierig auf jedem Farbtupfer der Natur. Und so geht es nicht nur uns. Auch die ersten Insekten beginnen nun mit der Nahrungssuche. Frühblüher sind für sie die ersten Pollenlieferanten des Jahres und spielen eine wichtige Rolle im Naturhaushalt. Die Insekten „bedanken“ sich bei ihnen mit der Bestäubung ihrer Blüten. Doch um Pflanzen zu Frühblühern zu machen, musste sich die Evolution so einiges „einfallen“ lassen.

Eine einheitliche Definition für "Frühblüher" bieten weder Bücher noch das Internet. Manchmal wird der Begriff auf die typischen „Frühjahrsgeophyten“, die schon ab Februar oder März in Laubwäldern blühenden Pflanzen, beschränkt. Andere beziehen auch die frühblühenden Bäume und Sträucher mit ein. Für die folgenden Ausführungen haben wir uns für eine Zwischenlösung entschieden: Eine Begrenzung auf Laubwaldpflanzen erschien uns zu eng gefasst, eine umfassende Darstellung der im Winter oder Frühjahr blühenden Bäume und Sträucher hätte jedoch den Rahmen gesprengt.

 

Warum so früh?

Das frühe Blühen hat bei den meisten Pflanzen zumindest einen gleichen Grund: Sie alle machen sich die geringe Konkurrenz um Bestäuberinsekten zu dieser frühen Jahreszeit zu Nutzen. Für die Insekten wiederum spielen vor allem die zahlreichen Weiden-Arten eine entscheidende Rolle als erste Frühlingstracht, besonders für Bienen (vgl. S. 13–15). Mit einem solch üppigen Pollenangebot können krautige „Frühblüher“, mit denen wir uns hier befassen wollen, nicht aufwarten. Aber auch sie sind für nicht wenige Insektenarten im Frühling von existenzieller Bedeutung.

"Geophyten" werden Pflanzen genannt, die den größten Teil des Jahres, für uns unsichtbar, in unterirdischen Organen überdauern. Diese sind zugleich Speicherorgane, in denen die während der kurzen Vegetationszeit aus der Photosynthese gewonnenen Produkte in verschiedener Form – vor allem als Stärke – eingelagert werden. Die Speicherorgane können als Rhizome, Knollen oder Zwiebeln ausgebildet sein.
Als Rhizome werden flach unter der Erdoberfläche oder auch tiefer in das Erdreich vordringende Wurzelstöcke bezeichnet. Diese dienen bei einigen Arten zugleich als vegetative Vermehrungsorgane: An verzweigenden Rhizomen können neue Sprosse entstehen.
Knollen sind ebenfalls unterirdische, aber knollenartig verdickte Organe, die sich während der Evolution in verschiedenen Pflanzenfamilien aus Teilen von Wurzel und/oder der Sprossachse entwickelt haben. Die bekanntesten Knollen sind wohl die Kartoffel oder auch die Knollen der Dahlien. Knollen und Rhizome gibt es sowohl bei Einkeimblättrigen als auch Zweikeimblättrigen Pflanzen. Auch Knollen können durch Ausbildung einer oder mehrerer Tochterknollen zugleich der vegetativen Vermehrung dienen.
Zwiebeln wiederum sind unterirdische Speicherorgane, die sich aus Sprossachse und Blättern entwickelt haben, wobei die eigentliche Speicherfunktion umgebildeten Blättern zukommt. Zwiebeln gibt es nur bei einkeimblättrigen Pflanzen. Auch sie können sich vegetativ vermehren, indem sie Tochterzwiebeln ausbilden.
Neben Speicher- und Vermehrungsfunktion haben alle unterirdischen Speicherorgane eine weitere wichtige Aufgabe: Entsprechende Stoffwechselprodukte wie Zucker, Schleimstoffe (vor allem bei Knollen und Zwiebeln) oder auch eingelagerte Salze (bei einigen Zwiebeln ausbildenden Arten) dienen gleichsam als natürliche „Frostschutzmittel“. Denn obwohl diese Organe unter der Erde vor direkten Frosteinwirkungen einigermaßen geschützt sind, dringen länger anhaltende und stärkere Fröste auch in das Erdreich ein. Ähnlich dem Glysantin oder anderen Mitteln, die wir als Frostschutz für die Kühlflüssigkeit von Automotoren kennen, verhindern sie das Gefrieren des Wassers in den Speicherorganen und damit das Platzen und Absterben der Zellen.
Dieser Schutz hat allerdings seine Grenzen. So manche unserer frühblühenden Zierpflanzen, die nicht selten aus dem Mittelmeerraum oder Kleinasien stammen, sind bei uns nur „bedingt frosthart“, wie der Gärtner sagt.
Als Hemikryptophyten werden Pflanzen bezeichnet, deren Überdauerungsknospen an der Erdoberfläche liegen, dort aber oft durch Laubstreu oder eine Schneedecke geschützt sind. Alle Geophyten sind also zugleich auch Hemikryptophyten. Chamaephyten wiederum haben ihre Überdauerungsknospen deutlich oberhalb der Erdoberfläche, aber immer noch im Bereich der in ihrem natürlichen Vorkommensgebiet eintretenden mittleren Schneehöhen.

 

Langes Leben – kurze Sichtbarkeit

Fast allen Frühblühern gemein ist, dass ihre oberirdischen Organe nur über einen mehr oder weniger kurzen Zeitraum zu sehen und sie somit auch dann nachzuweisen sind. Doch auch in diesem Punkt sind die Strategien völlig verschieden. Manche Frühblüher wie der Huflattich oder auch die Pestwurz treiben im Frühjahr zunächst ausschließlich ihre Blütenstände aus, an denen sich nur kleine schuppenförmige Blattrudimente befinden. Fortpflanzung ist zunächst prioritär und erst viel später erscheinen die vor allem bei der Pestwurz besonders großen Blätter, die der Photosynthese und letztlich der Stärkeproduktion dienen. Bei diesen in der Offenlandschaft beheimaten Arten bleiben die Blätter lange Zeit grün. Auch während des Sommers steht ihnen ein reiches Lichtangebot zur Verfügung.
Foto: Huflattich
Anders verhält es sich bei typischen Laubwaldpflanzen. Aus Rhizomen, Knollen oder seltener Zwiebeln erfolgt bei ihnen während sehr kurzer Zeiträume der Austrieb der kompletten Pflanzen mit grünen Laubblättern und schließlich den Blüten. Schließlich bleibt den Pflanzen nicht viel Zeit für ihre oberirdische Phase im Jahreszyklus. Schnell müssen die Blätter noch für Photosynthese sorgen und die Blüten sollen ihren Konkurrenzvorteil zur Bestäubung und Samenbildung nutzen. Das alles muss möglichst bis zum Laubaustrieb der Bäume abgeschlossen sein, denn dann reicht das Licht am dunklen Waldboden nicht mehr für die Stoffproduktion aus und auch die Zahl bestäubender Insekten ist eher gering.
So werden die oberirdischen Pflanzenteile der meisten dieser Arten bereits kurz nach der Blüte gelb, ihre Inhaltsstoffe werden in die unterirdischen Speicherorgane verlagert. Schon bald ist von ihnen nichts mehr zu erkennen. Die Pflanzen „ziehen ein“, wie man dies botanisch-gärtnerisch nennt.
Die „klassischen“ Frühblüher mit diesem Entwicklungszyklus sind unsere im zeitigen Frühjahr blühenden Laubwaldpflanzen. Bereits im März erscheinen in anspruchsvollen Laubwäldern, vor allem in Buchenwäldern, Eichen-Hainbuchenwäldern oder Hang-, Schlucht- und Auenwäldern verschiedene Lerchensporn-Arten mit ihren zarten Blättern und Blüten als typische Knollen-Geophyten. Der Entwicklungszyklus der Lerchensporn-Arten ist bereits nach zwei bis drei Wochen vollendet. Von den Pflanzen ist dann oberirdisch nichts mehr zu erkennen.
Typische Rhizom-Geophyten in den Laubwäldern sind Buschwindröschen und Gelbes Windröschen, die im April über ein bis zwei Wochen den Waldboden bunt färben können. Auch bei ihnen erscheinen Blätter und Blüten zeitgleich, Blätter und Fruchtstände bleiben aber länger sichtbar – manchmal sogar über den Sommer hinweg. Anders verhält es sich bei dem auf kalk- oder basenreichen Böden häufiger mit den Windröschen vergesellschafteten Leberblümchen. Manchmal erscheinen schon ab Ende März zunächst deren auffallende blaue, einköpfige Blüten. Erst später kommen die "leberähnlich" gelappten Blätter hinzu. Diese wiederum überdauern das ganze Jahr bis zum nächsten Frühjahr und nutzen auch die laubfreie Zeit im Spätherbst und Winter zur Assimilation. Erst mit dem Austrieb der Blüten sterben die vorjährigen Blätter nach und nach ab.

 

Was sagt den Pflanzen, wann sie blühen sollen?

Bei allen Pflanzen der gemäßigten Breiten und eher humiden Klimaverhältnissen ist der Blühzeitpunkt in erster Linie genetisch fixiert. Er ist das Ergebnis einer Jahrmillionen währenden Evolution und dem Finden ökologischer Nischen in verschiedene Lebensräume. Doch die Pflanzen blühen nicht in jedem Jahr exakt zur gleichen Zeit. Neben ihrer „inneren Uhr“ verfügt jede Pflanze auch über eine „phänologische Uhr". Letztere ist von verschiedenen äußeren „Signale“ abhängig, die dann schließlich die Blühinduktion auszulösen. Dies können bestimmte Temperaturen in der oberen Bodenschicht, die Dicke der Schneeschicht, eine bestimmte Bodenfeuchte oder auch Licht sein. Entscheidend ist häufig aber der Temperaturverlauf während des Winters und zeitigen Frühjahrs.
Die aktuellen klimatischen Veränderungen beeinflussen seit einigen Jahrzehnten auch die Phänologie der Blühzeitpunkte – vor allem die von Frühblühern. Manche blühen mittlerweile im Durchschnitt bis zu vier Wochen früher als einst. Phänologische Kalender, die vom Meteorologischen Dienst bereits seit über hundert Jahren geführt werden, verdeutlichen dies.
Die unterschiedlichen, das Blühen auslösenden Faktoren können manche Art aber auch mal völlig „durcheinanderbringen“ – beobachtet wurde dies beispielsweise kürzlich in norddeutschen Parkanlagen, wo im Spätherbst und Winter einzelne Buschwindröschen blühten.

 

Spaziergang durch den Frühlingswald

Mit dem Wissen um die besondere Biologie und Ökologie im Gepäck, machen wir uns auf den Weg und starten einen kleinen Rundgang durch die heimische Welt der Frühblüher. Wir zeigen, welche prachtvollen Frühlingswälder in Brandenburg zu finden sind, wollen aber auch erwähnen, was jeder vor der eigenen Haustür entdecken kann und welche versteckten Besonderheiten es im Lande gibt.

Blütenreiche Laubmischwälder beginnen im süd- und mitteldeutschen Berg- und Hügelland oder in den Jungmoränenlandschaften Mecklenburg-Vorpommerns oft gleich hinter dem Dorf oder am Stadtrand. Nicht selten ziehen sie sich auch als kleine Haine und Hecken durch die Ortschaften. Hierzulande sind sie jedoch ungleich seltener – für viele Brandenburger ist es daher der Unterschied zwischen Reise und Spaziergang, der über die Fülle des Frühlingserlebens entscheidet.

Ein von Natur aus nährstoffreicher, kalk- oder basenreicher Boden ist in Brandenburg keine Selbstverständlichkeit, ebenso wenig eine ausreichende Wasserversorgung – zumindest während des Frühjahrs. Doch eine bunte, artenreiche Krautschicht im Frühlingswald verlangt nach beidem. In Brandenburg finden wir diese bunten Frühlingsteppiche vor allem in den ausgedehnten Laubwäldern der Uckermark auf mergelreichen Böden. Seit vielen Jahrzehnten berühmt für ihre vielfältigen Waldgesellschaften sind aber auch die Landschaften um Strausberg und – westlich von Berlin – der Brieselang und die Nauener Stadtforst. Schon früher waren sie beliebte Exkursionsziele der regionalen Botaniker und werden seit der Gründung des Botanischen Vereins der Provinz Brandenburg im Jahr 1859 in dessen Schriftenreihe regelmäßig erwähnt. Auch die Ränder des Odertals zwischen Frankfurt und Gartz tragen sehr schöne Hang- und Schluchtwälder mit reicher Geophyten-Flora.

Kleinere Vorkommen von Frühblühern finden sich verstreut auch im Bereich der jüngeren Grundmoränengebiete sowie in den Urstromtälern und Beckenlandschaften. Oft kommen dort allerdings nur wenige der genannten Arten gleichzeitig vor. Anders als in den kalkreichen Sedimenten der Moränen, kann in den Tälern nur der Zustrom von kalk- oder basenreichem Grundwasser für ausreichend hohe pH-Werte sorgen. Die interessantesten Frühblüher-Bestände sind daher an den Rändern der großen Niederungen zu beobachten, wo das Grundwasser aus den Hochflächen austritt.

Bereits im März durchbrechen im Frühlingswald die blau leuchtenden Blütenschalen der Leberblümchen das dürre Laub des Vorjahrs. Wenig später werden die Buschwindröschen ihr weißes Blütenkleid über den Waldboden ziehen.

In nährstoffreicheren Abschnitten kann das Gelbe Windröschen größere Flecken bilden, bleibt aber fast immer seltener als sein weißer Verwandter. Lungenkräuter haben wenig Fernwirkung, zeigen von Nahem aber ein schönes Spiel roter und blauer Töne in den aus kräftigen Stängeln treibenden Blütenständen. In Brandenburg finden wir vor allem das Dunkle Lungenkraut mit seinen schwach gefleckten Blättern, nur selten – nahe der Oder – das Echte Lungenkraut. Beide vollziehen nach der Bestäubung ihrer Blüten eine auffällige Veränderung: Ihre Kronblätter wechseln ihre Farbe nach der Bestäubung von rot zu blau, verursacht durch eine pH-Wert-Änderung – die Lakmus-Reaktion!.

Wenig später "entzündet" der Hohle Lerchensporn die Pracht seiner roten und weißen Blüten-Kerzen. In Brandenburg kommt die Art natürlicherweise allerdings wohl nur an der mittleren Oder zwischen Neuzelle und Lebus vor. Vorkommen in Parks und Laubwäldern in anderen Landesteilen dürften auf Verschleppung und gezielte Ansiedlung zurückgehen. Unauffällig und in der nun blühenden Vielfalt beinahe versteckt, wächst der Mittlere Lerchensporn. Er ist in verschiedenen Laubwald-Typen zu finden, insgesamt aber nicht sehr häufig. Eine Besonderheit des mittleren und unteren Odergebiets ist der Zwerg-Lerchensporn, der in nährstoffreichen Hangwäldern und Laubgebüschen vorkommt. Zwischen Lebus und Reitwein bildet er Massenbestände, manchmal zusammen mit dem Mittleren Lerchensporn.

Eine zurückhaltende Erscheinung ist auch die Zwiebel-Zahnwurz, eine schlanke, aus zahnförmig beschupptem Rhizom treibende Schaumkraut-Verwandte mit zart rosafarbenen bis weißen Kreuzblüten. Sie ist eine Besonderheit der nord- und ostbrandenburgischen Rotbuchenwälder. Gänzlich entzieht sich dem "Rennen" um das Sonnenlicht die Schuppenwurz– sie entwickelt erst gar keine Blätter und schmarotzt an den Wurzeln verschiedener Laubhölzer, bevorzugt an Hasel, Erle und Hainbuche. Die ganze Pflanze ist fleischrosa gefärbt, ihre kleinen Rachenblüten werden von Insekten, aber auch vom Wind bestäubt. Als letzter „Edelstein“ des Frühlingswaldes sei die Frühlings-Platterbse genannt. Anders als die rankenden Vertreter ihrer Gattung hat sie einen aufrechten Stängel, an dessen Ende die purpurroten, im Verblühen kräftig blau verfärbenden Blüten stehen. Die ersten leuchten über dem noch zart zusammengelegten Laub, bevor sich das Blattgrün im Lauf der langgestreckten Blütezeit voll entfaltet.

Wo der Wald schon lichter wird und Bäume mit schnell zersetzender Laubstreu wachsen, beginnt Graswuchs die Krautschicht zu prägen. An diesen Orten finden wir die Wiesen-Schlüsselblume, landläufig auch als "Himmelsschlüssel" bekannt. Ihr Bestand kann sich von dort bis auf benachbarte, sandig-lehmige Wiesen erstrecken. Oft finden wir sie auch in den grasigen Böschungen von Straßenrändern. Obwohl ihr Vorkommen auf eher bindige Böden beschränkt ist, gehört sie zu dennoch zu den wenigen Primeln, die auch trockeneres Klima tolerieren. In Brandenburg ist sie die einzige heimische Art der Gattung, abgesehen von einem kleinen natürlichen Vorkommen der Hohen oder Wald-Schlüsselblume im Spremberger Raum und deren wenigen Verwilderungen in anderen Landesteilen.


Frühlingserwachen im dürren Gras und auf nassen Wiesen

Wenn der Lehmanteil im Boden abnimmt und der Standort in Südlage im Sommer größte Hitze und Trockenheit erfährt, entgehen viele Pflanzen den Extremen auch dort durch Verlagerung der wichtigsten Wachstumsschritte in das zeitige Frühjahr. Nicht alle sind allerdings so bekannt wie das Frühlings-Adonisröschen. An den Oderhängen zwischen Frankfurt (Oder) und Seelow lockt es alljährlich – manchmal schon ab Februar – Tausende Besucher an. Die bis zu acht Zentimeter messenden, gold-gelben Blütensterne werden von allerlei Insekten besucht. Als Speicherorgan und zur Wasserversorgung bei extremer sommerlicher Trockenheit dient der Art ein ausgebreitetes, bis zu einem Meter tief reichendes, weit verzweigtes Wurzelsystem.
Mit niedrigen, sonnengelben Blütenteppichen lockt das Frühlings-Fingerkraut an Wald- und Wegrändern sowie in kalk- und mineralreichen Sand-Trockenrasen des mittleren und nördlichen Brandenburgs. Ehemals große Vorkommen in trockenen Grasfluren sind zusammen diesen schon länger verschwunden. Die kleineren Restvorkommen schrumpfen derzeit durch die fortschreitende Ausdunkelung der Waldlandschaften durch Eutrophierung und dichteren Bewuchs und die Festlegung von Wegrändern durch den forstlichen Wegebau. Widersprüchlich sind die Entwicklungen im Siedlungsraum. Eine hohe Nährstofffracht und das heute bevorzugte Mulchen der Park- und Siedlungsrasen fördern starkwüchsige Konkurrenten. Glücklicherweise bleiben die niedrig über den Boden streichenden Triebe des Frühlings-Fingerkrauts in den ständig kurz geschorenen Rasenflächen privater Grundstücke unterhalb der kreisenden Mähmesser und finden dort hin und wieder Refugien.
Zwischen vergilbten, gekräuselten Blattspitzen niedriger Graspolster schieben sich feine Halme mit gelb gepuderten Quasten empor. Nicht nur im Ried und auf den Moorwiesen, sondern auch auf den Trockenrasen blühen die meisten Seggen weit vor den Süßgräsern. Heide-Segge und Frühlings-Segge sind typische, ehemals häufige Arten, die wir vielerorts im Land antreffen, wenngleich auch ihre Bestandsentwicklung negativ ist. Allzu oft sind nur noch kleine Restbestände verblieben. Schon immer nur begrenzt verbreitet ist hingegen die Erd-Segge, deren zierliche schlanke Blütenstände so klein bleiben, dass sie zwischen den halbwintergrünen Blattschöpfen kaum auffallen. Als Art der Steppenrasen und Steppenwälder mit stärkerem Auftreten im Odergebiet findet sie über eine schmale „Arealbrücke“ im Havelland Anschluss an wesentlich größere Vorkommen im mitteldeutschen Trockengebiet.

Besonderes Glück hat, wer zur Osterzeit auf einem Hügel oder Hang auf die violetten Blüten der Wiesen-Küchenschellen stößt. Einst in nordostdeutschen Trockengebieten allgemein verbreitet und zahlreich, sind heute nur noch wenige schwach besetzte Fundorte erhalten geblieben. Wie bei einer großen Zahl weiterer konkurrenzschwacher Offenland-Arten, brachen die Vorkommen mit dem Wegfall der Allmende-Weiden – der Ablösung gemeinschaftlich geregelter Landnutzungen durch individualisierte Nutzungsrechte – ab dem späten 18. Jahrhundert zusammen. Seitdem befinden sie sich im anhaltenden Rückgang. Aufforstungen und natürliche Sukzession dezimierten die Bestände zusätzlich. Das führte dazu, dass die letzten Reste heute oft inmitten lichter Kiefernwälder wachsen, wo sie schwer zugänglich für angemessene Pflegemaßnahmen sind. Zu diesen zählen neben Mahd und Streunutzung eine auf die Artansprüche abgestimmte Beweidung und das kontrollierte Abbrennen der Trockenrasen. Die Wiesen-Küchenschelle verkörpert symbolhaft den bedenklichen Zustand eines unserer artenreichsten Lebensräume und die besonderen Schwierigkeiten, ihn zu erhalten.

Inzwischen ist sie im größten Teil ihres mittel- bis osteuropäischen Verbreitungsgebietes gefährdet. Brandenburg trägt gemeinsam mit allen noch besiedelten Ländern eine besondere Verantwortung dafür, dass die nickenden Glocken der „Kleinen Osterblume“, wie sie im 18. Jahrhundert genannt wurde, auch künftig zu erleben sind. Der Botanische Verein von Berlin und Brandenburg hat die Blume als Vereinssymbol gewählt. Nicht nur seine Mitglieder wenden viel Zeit und Mühe für den Erhalt der artenreichen Trockenrasen auf.
Unter den in diesem Beitrag behandelten Arten sind die Frühblüher der Trockenstandorte wohl die am stärksten gefährdeten. Schwere Verluste und Standortbeeinträchtigungen haben aber auch die Feuchtgebiete erlitten. Früh blühende Seggen im nassen Ried begegnen uns noch vielfach. Bevor ihr neues Laub sprießt und bevor Süßgräser die feuchten und nassen Wiesen in frisches Grün tauchen, schmücken aber nur wenige Blüten die Niederungen. Einer der auffälligen Frühlingsblüher diese Standorte ist die Sumpf-Dotterblume, deren große gelbe Blüten weithin aus dem tristen Hintergrund leuchten. Etwas später zaubern die zahlreichen Blüten des Wiesen-Schaumkrautes einen zarten rosa-weißen Schleier über die gerade erst sprießende Wiese. Beide Arten sind noch recht häufig, wenn auch im intensiv genutzten Grünland an den Rand gedrängt. Nur noch sehr selten und kleinflächig wachsen in den nährstoffärmsten, lückigen Flachmoorwiesen die Sumpf-Löwenzähne der Sektion Palustria. Auf ihrem nassen, moorigen Standort trifft sie ein ähnliches Schicksal wie im trockenen Boden die Wiesen-Küchenschelle – mit vergleichbaren Ursachen und Problemen für praktische Schutzmaßnahmen.
 

Nette Neophyten

Heimische Frühblüher wurden wegen ihres Reizes schon im Mittelalter in die Gärten geholt. Umgekehrt gelangten importierte und in mitteleuropäischen Gärten kultivierte Pflanzen in die Natur. Einige konnten sich dort dauerhaft ansiedeln. Im Vergleich zu den im Garten kultivierten und den verwilderten Beständen nehmen die in Parkanlagen sowie auf Kirch- und Friedhöfen verwilderten Populationen eine Zwischenstellung ein. Sie befinden sich zwar noch im Einfluss gärtnerischer Anlagen, müssen sich dort aber in der Dynamik ihres Lebensraums behaupten. Die im Mittelmeergebiet heimische Weinbergs-Tulpe ist wohl eine der ältesten Einbürgerungen. Auch der Schöne Blaustern ist schon im 16. Jahrhundert aus Kleinasien nach Mitteleuropa gelangt, wo ihn der frühe Botaniker und Staudengärtner Carolus Clusius dann über Ländergrenzen hinweg an Gleichgesinnte verteilte. Erst seit dem 19. Jahrhundert wird der Schöne Blaustern in der Gartenkultur von dem wüchsigeren „Sibirischen“ Blaustern abgelöst, der inzwischen auch in Parkanlagen und der freien Landschaft die häufigere der beiden Arten ist.
Die Zahl der Neubürger unter den Frühblühern ist groß und der Zeitraum ihrer Einbürgerung und Ausbreitung in Brandenburg häufig nicht bekannt. Die Vielfalt und Schönheit der Arten ist ein eigenes Thema, das wir hier nicht vertiefen, nur wenige plakative Beispiele streifen können. Winterlinge und Schneeglöckchen sind die allseits bekannten Frühlingsboten und schon sehr lange verwildert. Große und ausgedehnte Bestände sind bei uns dennoch nicht häufig und meistens ist noch immer eine Bindung an Gartenanlagen erkennbar. Während der Winterling durch reichen Samenansatz allmählich größere, dabei wenig ausbreitungsfreudige Kolonien bildet, verharren Schneeglöckchen häufig Jahrzehnte in kleinen Pulks auf engstem Raum. Auffällig, vor allem im havelnahen Raum von Berlin und Potsdam, sind die riesigen Kolonien des Seltsamen Lauchs, eines um 1900 eingeführten und durch seine am Grund der Blütendolde sitzenden Brutzwiebeln äußerst vermehrungsfreudigen Wildlauchs aus dem Kaukasus und dem Iran.
Die weitaus meisten der genannten Neophyten bereichern unsere Frühlingsflora, ohne dass sie in den besiedelten Lebensräumen zur Konkurrenz für die heimische Pflanzenwelt werden. Wir dürfen uns vorbehaltlos an ihnen erfreuen. Einige wenige Arten haben sogar im „Exil“ eine wichtige Zuflucht gefunden und verdienen die besondere Aufmerksamkeit des Naturschutzes. Der Schöne Blaustern, dessen engere Heimat bei Kastamonou in der nördlichen Türkei vermutet wird, ist in Kleinasien seit mehr als hundert Jahren nicht mehr gefunden worden. Die über Europa verstreuten halbwilden Vorkommen, vor allem auf Kirch- und Friedhöfen, sind heute für das Überleben der Art entscheidend. Dabei wird der Pflanze in jüngerer Zeit ihre für Scilla-Arten späte Blüte und Blattbildung zum Verhängnis. Die üblich gewordene frühe Mahd der Rasenflächen kappt die Pflanzen und verhindert alljährlich sowohl die Samenreife als auch die Regeneration der Zwiebel. Ein erster Schnitt des „Gottesackers“ nicht vor Mitte Juni, wenigstens auf größeren Teilflächen, käme vielen attraktiven und gefährdeten Pflanzen und Tieren zugute, nicht nur dem Schönen Blaustern.

Versteckte Zierde vor der Nase

Am Ende des Rundgangs durch die Welt der heimischen Frühblüher werden wir vor der Haustür noch einmal fündig. Im sonnenwarmen Sandfleck, in sandigen Pflasterfugen und auf bewachsenen Mauerkronen blühen ab Anfang März die Frühlings-Hungerblümchen. Wo sie zahlreich sind, ziehen ihre winzigen Blüten einen schütteren weißen Schleier über den Boden. Aus einer dem Boden aufliegenden Blattrosette strebt der Stängel empor. Hungerexemplare haben ein, zwei Blüten in wenigen Millimetern Höhe, gut genährte Pflanzen tragen bis zu 20 Blüten an mehr als zehn Zentimeter hochragenden Sprossen. Die vier kreuzständig angeordneten Kronblätter zeigen die Zugehörigkeit zu den Kreuzblütern. Anders als in der Familie üblich, sind sie tief gespalten. Die Einzelheiten des Blütenbaus, reizvolle Kontraste zu den oft schwarzrot überlaufenen Stängeln und Blättern und den leuchtend gelben Staubgefäßen erschließen sich erst im genauen Hinsehen.

Die lückigen, spärlich bewachsenen Sandfluren erwärmen sich schnell im Sonnenschein des Vorfrühlings. Ein erstes frühes Sonnenbad im trockenen Gras ist ein Genuss und wir kommen den Winzlingen nahe. Wir entdecken neben den Hungerblümchen das tiefe Blau winziger Ehrenpreis-Arten, mit scharfem Kontrast zum rein weißen Grund der Kronblätter. Sehr häufig ist der Finger-Ehrenpreis. Seltener, in besser mit Mineralien versorgten, aber nährstoffarmen Böden sind der Frühlings-Ehrenpreis und der Dillenius-Ehrenpreis. Wo sich trotz trockenem und sommerlich verbranntem Sandboden ausreichend Nährstoffe sammeln, wächst die Dolden-Spurre, ein unauffälliges Nelkengewächs mit kahlen, hell blaugrünen Blättern, dessen weiße Blüten denen der kleinen Hornkräuter ähneln. Eigentlich gilt sie als Zeiger für magere Verhältnisse und kommt mit diesen auch zurecht. An Weg- und Straßenrändern, im gehackten Streifen vor dem Gartenzaun, im Vorgewende der Äcker und da, wo Laub- und Nadelstreu in schüttere Rasen rieseln, treten die durch stete Nährstoffeinträge gut versorgten Pflanzen aber in dichten Kolonien und kräftigen Exemplaren auf. Die sparrig und ungeordnet vom Stängel abstehenden Blütenstiele strecken sich zum Ende der Blüte und in der Samenreife. Erst im Schwinden, im Zerfall und Rückzug in ein kleines Samenkorn, wird die Spurre zu einer auffälligen Erscheinung. Wie die gilbend niederliegenden Goldsterne und das welke Scharbockskraut künden sie zum Ende des April schon von der ersten Dürre. Bevor es aber wirklich heiß und trocken wird, kommt der Mai mit üppigem Wachstum und macht Wälder und Wiesen wieder grün.
 

Andreas Herrmann & Frank Zimmermann
Botanischer Verein von Brandenburg und Berlin

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