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Ausgabe 1/2018

Schafe, Berge, Moore und Mee(h)r

Sehnt man sich nach Sonne und Wärme, ist man falsch in Schottland. Obwohl: „Between the Showers“ kann es auch dort sonnig und warm sein. Mit Schauern muss man allerdings immer und überall rechnen, Dauerregen ist dagegen selten. Wer das nicht scheut, findet in Schottland ein Land der landschaftlichen Gegensätze, voller Weite und Einsamkeit und ausgesprochen (gast)freundlichen Menschen. Vorausgesetzt, man heißt nicht Campbell. Dann hätte man zumindest im wilden Glen Coe offiziell keinen Zutritt. Zu verhasst sind dort noch immer die Engländer, die nicht nur unter diesem Namen das Land über Jahrhunderte mit Feldzügen, Zerstörungen und Vertreibung drangsalierten.

Ein Blick auf die Karte Europas zeigt: Die Nordspitze Schottlands befindet sich etwa auf der geografischen Breite von Südnorwegen oder der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Das „Festland“ Schottlands ist Teil der Britischen Hauptinsel, wobei vom „Inselleben“ auch nur auf den allerdings sehr zahlreichen größeren wie kleineren Inseln etwas zu spüren ist. Außer bei der Anreise natürlich, denn die kann nur mit dem Flugzeug oder der Fähre bewältigt werden.
Drei Viertel Schottlands befinden sich mehr als 500 Meter oberhalb des Meeresspiegels. Keine wirkliche Höhe für mitteleuropäische Berggänger, und auch die 1.345 Meter Höhe des Ben Nevis – der höchste Gipfel des Landes – ringen einem zunächst kein großes Erstaunen ab. Bedenkt man allerdings, dass einige der höchsten und viele weitere Gipfel unweit der Meeresküsten liegen, ahnt man schon, dass die meisten Gipfel- und Bergtouren keine Spaziergänge für „Flachlandtiroler“ sind. Auf den Gipfeln jenseits der 1.000-Meter-Höhenmarke, den „Monroes“, kann es an jedem Tag des Jahres plötzlich schneien und viele der Gipfel schauen nur an weniger als 50 Tagen hinter den Wolken hervor. Schuld daran sind die meist im Tagesrhythmus heranrauschenden atlantischen Tiefdruckgebiete, auf die man sich dort ganzjährig verlassen kann.
Reist man in Schottland hundert Kilometer nordwärts, verändern sich Klima und Vegetation einem Aufstieg um 300 bis 500 Höhenmeter entsprechend – je nachdem, ob man sich in der Nähe der West- oder der Ostküste fortbewegt oder im zentralen Bergland, den legendären „Highlands“. Das an den Küsten ganzjährig recht ausgeglichene atlantische Klima ist dem Golfstrom zu verdanken, der sein warmes Wasser zwischen Schottland und Irland Richtung Norwegens Nordküste schiebt.
Während des Eiszeitalters prägten gewaltige Gletscher das Land. Ähnlich wie in großen Teilen des nördlichen Mitteleuropas erreichten sie auch im heutigen Schottland Eisdicken von mehr als einem Kilometer und hinterließen tiefe, trogförmige Täler, die "Glens". Auch die Fjorde und die zahlreichen tiefen Binnenseen – die "Loughs" (in Anlehnung an das Gälische als ursprüngliche Sprache der Schotten und nicht zu verwechseln mit den englischen "Lakes"!) verdanken ihre Existenz dem Gletschereis.

Natur- oder Kulturlandschaft?

Immer wieder schwärmen Schottlandreisende von der traumhaften, ursprünglichen Natur. Ja, die gibt es natürlich auch – aber nur in den Highlands des hohen Nordens und in Höhen oberhalb von 500 bis 800 Metern. Nahezu der gesamte Süden des Landes und die niedriger gelegenen Gebiete des übrigen Landes, vornehmlich die östlichen, sind aber durch Jahrtausende währende Beeinflussung und Devastierung durch den Menschen geprägt. Kaum hatten sich dort nacheiszeitlich die ersten Primärwälder aus Birken, Espen und später auch Eichen und Kiefern gebildet, wurden sie wieder vernichtet. Viel früher und oft auch viel intensiver geschah dies dort als in Mitteleuropa. Die Urbarmachung für landwirtschaftliche Kulturen, aber vor allem der schier unerschöpfliche „Hunger“ der aufstrebende Städte der britischen Hauptinsel, der Schiffsflotten und später der wachsenden Industrie verschlangen Großteile der Wälder Großbritanniens und somit auch Schottlands.
Die noch jungen Böden im atlantisch geprägten, humiden Klima wurden schnell fortgeschwemmt. Die Bodenoberflächen versauerten und baumfeindliche Moor- und Heidelandschaften beherrschen seitdem das Landschaftsbild vieler Regionen Schottlands. Dessen Süden ist bis heute großflächig von intensiver Landwirtschaft geprägt, nicht selten fühlt man sich als Deutscher dort „richtig zu Hause“. Nur die von Natur aus baumfeindlichen und landwirtschaftlich nicht nutzbaren Bergregionen blieben von den Eingriffen verschont. Dort gibt es sie tatsächlich, die sprichwörtliche schottische Natur, und das aufgrund der ausgedehnten Höhenlagen auch auf sehr großen Flächen. Ab etwa 800 Meter Höhe, im Nordwesten noch deutlich weiter unten, bewegt man sich oft in fjällartigen, menschenleeren und zumeist weglosen Bergregionen, über 1.000 Metern Höhe ist man nicht selten im weitgehend vegetationsfreien Hochgebirge mit subalpiner bis schütterer alpiner Vegetation unterwegs. Pflanzenarten, denen man in den Alpen erst in Höhen von weit über 2.000 Metern begegnet, kommen dort nicht selten schon deutlich unterhalb der 1.000-Meter-Höhenmarke vor. Im Norden des Landes sind sie manchmal sogar fast bis auf Meeresniveau anzutreffen.
Das Inverpolly Nature Reserve im Nordwesten Schottlands bei Ullapool gilt als eines der letzten großen natürlichen Wildnisgebiete Europas. Allerdings darf man selbst dort nicht die Artenvielfalt mitteleuropäischer Gebirge erwarten. Viele Pflanzenarten fanden während der nacheiszeitlichen Wiederbesiedlung nicht den Weg in den Nordwesten Schottlands. Zudem entstammen die überwiegend geologisch sehr alten Gesteine Schottlands der frühen kaledonischen Gebirgsbildung und sind überwiegend kristalliner Natur. Kalkgesteine sind dagegen sehr selten. Wo sie vorkommen, findet man dann aber auch die botanisch interessantesten Gebiete, beispielsweise im Ben Lawers-Naturschutzgebiet.
Vor allem im Süden und Osten Schottlands gibt es dennoch erstaunlich viel Wald – wenn man die Aufforstungen aus Blau- und Sitkafichten, Banks-Kiefern und vielen anderen Gehölzen als solche bezeichnen will. Wirklich alte Wälder gibt es allerdings nirgendwo. Allerdings gibt es einige sekundär entstandene, urwüchsige Wälder aus Scotch Pines (Pinus sylvestris) und in Südexposition auch aus Eichen. Man findet sie vor allem in den nordwestlichen Highlands – zum Beispiel im Ben Eighe-Schutzgebiet.
Auch die Anzahl der Tierarten ist bei allen Artengruppen deutlich niedriger als in Mitteleuropa. Die großen Raubtiere wurden in Schottland schon viel früher als bei uns ausgerottet und haben wohl noch auf lange Zeit keine Chance, zurückzukehren. Nicht, dass man in Schottland gegen Naturschutz und Wildtiere wäre. Aber da ist noch ein Vertreter der menschlichen „Kulturfolge“, den man in Schottland nicht wegdenken kann: das Schaf. Von ihm gibt es in Schottland ein Vielfaches der menschlichen Einwohner und meistens sind sie völlig frei bis in die höheren Bergregionen unterwegs. Herdenschutz, wolfssichere Zäune etc.? In Schottland völlig undenkbar, auch wenn in Naturschutzkreisen schon über eine Wiedereinbürgerung der großen Beutegreifer leise nachgedacht wurde. Auch Greifvögel und Singvögel sind deutlich rarer als hierzulande, den zahlreichen Hirschen begegnet man wegen der recht intensiven Jagdtradition allerdings kaum. Nicht selten können dagegen halbwilde Fasane und mit etwas Glück auch das berühmte Schottische Moorhuhn beobachtet werden, vor allem im Cairngorm National Park im zentralen Hochland.
Neben den oft schwer zugänglichen Bergregionen gibt es in Schottland wahre Naturparadiese an dessen Küsten. Deren geringe Besiedlung, vor allem im Westen und Norden, aber auch auf zahllosen und oft unbewohnten Inseln, beherbergen nicht selten große Kolonien von Seevögeln. Papageitaucher, jede Menge Basstölpel und diverse Möwenarten – die Liste der dort nistenden Vogelarten ist lang und auch Seehunde können dort ab und an beobachtet werden. Die Küstenfelsen werden häufig von dichten Polstern der Grasnelke überzogen.
Ein Paradies ist Schottland auf jeden Fall für Pflanzenfreunde, die dort in Hülle und Fülle die typischen „Atlantiker“ unter den Pflanzenarten kennenlernen möchten. Im Hochsommer tauchen blühende Heide-Arten ganze Landstriche in violette Töne. Dominierend ist die Graue Glockenheide, durchsetzt mit der Besenheide, die zum Ende des Sommers ihre größte Farbenpracht entfaltet. In feuchteren Heiden gesellt sich herdenweise die Echte Glockenheide mit ihrem Zartrosa hinzu, während auf mineralischen Standorten die knallgelben Farbtupfer des Stechginsters auffallen. In den Mooren der höheren Regionen findet man neben den genannten Heide-Arten und den allgegenwärtigen Wollgräsern nicht selten den gelb blühenden Beinbrech oder auch die Moorlilie in großen Beständen. Orchideenarten sind dagegen äußerst rar, aber dafür begegnet man den wenigen Arten recht häufig – vor allem in den Mooren beispielsweise dem Gefleckten Knabenkraut.

Apropos (Gast)freundlichkeit

Schottland ist ein fantastisches Reiseland. Abgesehen von den wenigen großen, quirligen Städten wie Edinburgh und Glasgow ist man über Land oft einsam unterwegs. Das trifft insbesondere auf die Highlands und den gesamten Nordwesten und Norden des Landes zu. Die Entvölkerung des Hochlands durch die englische „Highland Clearance-Politik“ des 18. Jahrhunderts zeigt noch heute Wirkung. Die schottischen Clans waren zerschlagen, die Landbevölkerung wurde aus den Highlands vertrieben und zumeist an die Küsten gezwungen. Dort litten sie jedoch große Hungersnöte und wanderten – ähnlich wie die benachbarten Iren – zu Hunderdtausenden in die „Neue Welt“ aus.
Abgesehen vom Linksverkehr, an den man sich schnell gewöhnt, fährt man überwiegend entspannt in Schottland. Die Freundlichkeit der Schotten ist sehr bemerkenswert. Nicht nur, dass man – vor allem in den einsamen ländlichen Regionen oder im Bergland – immer freundlich gegrüßt wird. Auto fährt man dort sehr gelassen, ein Schotte wartet lieber einmal mehr an einer Ausweichstelle, grüßt natürlich immer und bedankt sich freundlich, selbst wenn er gewartet hat und nicht wir.
Schottland sollte man nicht nur einmal besuchen. Allein schon deswegen, weil es dort so viele Whisky-Destillerien gibt. Wer einmal „Angels Share“ in den Lagerhallen einer Distillery in der Nase hatte, der kann nachvollziehen, warum die Schotten den Whiskey als „Wasser des Lebens“ bezeichnen. Nein, es ist vor allem die Weite der Highlands, es sind die einsamen, machmal fast unwegsamen Bergpfade und die wilden Felsküsten bis hin zu weiten Sandstränden, die Lust auf Mee(h)r machen.

Frank Zimmermann

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