Hintergrundelement
Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv

Ausgabe 1/2018

Die Glindower Alpen

Tonstiche hinterließen bei Potsdam ein schroffes Relief

Blanker Sand hier, austretendes Quellwasser dort – kühler Schatten im urigen Wald hier, Hitze zwischen spärlichem Pflanzenkleid dort – tiefe Schluchten hier, flache Sandflächen dort. In den Glindower Alpen, einem unter Naturschutz stehenden Gebiet unweit der Blütenstadt Werder, liegen die Gegensätze so dicht zusammen, wie selten ein weiteres Mal im Märkischen. Bereits der Name „Alpen“ macht stutzig, liegt Glindow doch fernab der Drei- und Viertausender. So waren es auch keine natürlichen Kräfte, die das Gelände schufen. Vielmehr hat der Mensch das ungewöhnliche Relief hinterlassen, als er den unter der Erde schlummernden Ton hervorholte; Ton, aus dem Ziegel gebrannt wurden, die dann auf dem Wasserweg über den Glindower See und die Havel in alle Richtungen verfrachtet werden konnten. Das war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als vor allem Berlin rapide wuchs und gigantische Mengen an Tonziegeln zum Bau von Mietskasernen, Fabriken und anderen Bauten verschlang. Der Begriff „Glindower Alpen“ geht auf einen findigen Gastwirt zurück, der seinem unweit des Gebiets gelegenen Ausflugslokal den klangvollen Namen verlieh.

Dass das Untere des Bodens nach oben gelangt, kommt in der Natur vor – wenn auch selten. An Bächen und Flüssen kann die Kraft des strömenden Wassers zu Uferabbrüchen führen und damit „rohen“ Boden ans Tageslicht bringen. Auch in Dünengebieten, in denen der Sand nicht durch eine schützende Pflanzendecke festgehalten wird, zeigt sich blanker Sand. Viele märkische Truppenübungsplätze warteten mit Einstellung der Nutzung nach der politischen Wende mit gigantischen offenen Sandflächen auf. Allerdings: Wer einmal auf ungenutzten Truppenübungsplätzen oder entlang natürlich fließender Bäche unterwegs war, konnte bemerken, dass die offenen Sandflächen nicht lange offen bleiben. Pflanzen ziehen ein, Tiere ebenso. Es sind jedoch keine Allerweltsarten, die dort auftreten, sondern hoch angepasste „Pioniere“. Sie ertragen Hitze ebenso wie Kälte und Stürme. Die Pflanzen kommen mit sehr wenigen Mineralien im Boden aus und zeigen ungewöhnliche Formen der Ausbreitung.
In den dicht besiedelten und meist von Natur aus mit einer Vegetationsdecke überzogenen Kulturlandschaften Mitteleuropas sind Rohböden und offene Sandflächen selten; die Pioniere der Tier- und Pflanzenwelt haben daher kaum Orte zur Existenz. Zu den Existenzmöglichkeiten gehören neben den bereits genannten Truppenübungsplätzen die Abbaugebiete von Kohle und Ton. Während heute für die Rohstoffförderung gigantische Gebiete völlig umgekrempelt werden, geschah dies früher im weitaus kleineren Stil und oft mit Muskelkraft. Die Ton-Abbaugebiete lagen verstreut über das ganze Land und konzentrierten sich auf die Obere und Untere Havelniederung, das Finowtal und die Notte-Niederung südlich von Berlin.

Natur

Der Tonabbau, der in Glindow bereits im 15. Jahrhundert begonnen hat, hinterließ ein sehr abwechslungsreiches Relief: steile Abraumhalden, tiefe Gruben, Terrassen unterschiedlicher Höhe und schiefe Ebenen. Mit der Einstellung der Förderung Ende des Zweiten Weltkriegs konnten die Pioniere unter den Pflanzen und Tieren dauerhaft einziehen. Wo sich etwas Lehm im Oberboden befand, fassten anspruchsvollere Arten Fuß. In den tiefsten Gruben sammelten sich Quell- und Regenwasser, auch an den Rändern der Halden begann Wasser auszutreten. Die Stillgewässer wurden damit schnell zum Lebensraum von Fröschen und Kröten – vor allem, wenn noch keine Bäume die Gewässer beschatteten. Auch im Wasser lebende Insekten kamen als blinde Passagiere im Gefieder oder an den Füßen von Wasservögeln in die neu entstandenen Gewässer. Wasserlinsen machten sich auf den Gewässern breit, und Schilf, Rohrkolben, Schwarzerlen oder Weiden besiedelten die Ufer.
Auf den Böschungen, in den Tälern und auf den Rücken wanderten anspruchslose Gehölze wie Kiefern, Birken und die einstmals aus Nordamerika ins Märkische eingeführte Robinie ein. Ihr Vorkommen ist heute eines der aus ökologischer Sicht größeren Probleme. Wo Lehm im Erdreich vorhanden war, konnten Eichen, Ahorne, Ulmen, Linden, Hain- und sogar Rotbuchen das Gebiet erobern. So entwickelte sich ein Mosaik an natürlich eingetragenen Gehölzbeständen – auf einigen Flächen wurde auch planmäßig aufgeforstet. Etliche Gehölze brechen inzwischen zusammen und erhöhen als Totholz den Biotopreichtum enorm. Im Nordwestbereich der Glindower Alpen, rund um das Belvedère, blieb eine weite sandige Fläche lange frei von Vegetation. Sie ist heute eine der ökologisch bedeutendsten Flächen des gesamten Schutzgebietes. Noch immer gedeihen dort Pioniere wie Silbergras, Sand-Strohblume, Sand-Segge, Sand-Fingerkraut, Glashaar-Haarmützenmoos oder verschiedene Bodenflechten. Dazwischen mischen sich wenige Kiefern; sie sind als einzige Gehölze imstande, unter den schwierigen Bedingungen zu existieren. Fangtrichter von Ameisenlöwen durchsetzen den hellen Sand – die Tiere liegen lauernd am Grund des Trichters vergraben und warten auf hereinfallende Beute, vorzugsweise Ameisen. An den Rändern der Sandfläche haben sich Trockenrasen entwickelt, in denen Pflanzen wie Sand-Thymian, Karthäuser-Nelke und Berg-Sandglöckchen ihre farbigen Blüten hervorbringen. Stellenweise sind auch Grasnelken zu sehen. Mit den Pflanzen kommen die Tiere. Erstaunen erweckt bei Vorbeikommenden eine Schrecke, die am Boden sitzend kaum zu erkennen ist, beim Auffliegen jedoch ihre blauen Flügel zeigt: die Blauflügelige Ödlandschrecke. Wo sie vorkommt, ist meist die Gefleckte Keulenschrecke, eine weitere Heuschreckenart, nicht fern.

Tourenvorschlag

Zwei Punkte bieten sich für eine Wanderung durch die Glindower Alpen an: Soll die Strecke nicht zu lang sein, kann die Wanderung am Ziegeleimuseum beginnen, reizvoll gelegen zwischen Glindower See und Glindower Alpen. Wer eine etwas größere Runde machen möchte, kann im Zentrum von Glindow starten. Am Marktplatz geben Infotafeln Auskunft über den Ort und die Geschichte der Ziegelherstellung. Dicht daneben ragt die Pfarrkirche in den Himmel. Das im Kern aus Feldsteinen bestehende Gebäude wurde im 19. Jahrhundert vergrößert – natürlich mit Glindower Ziegeln. Die typische gelbliche Färbung der Steine rührt von natürlich dem Ton beigemengten Mineralien her; daher spricht man auch vom „gelben Glindower“ – im Unterschied etwa zum „Roten Rathenower“ aus der tonreichen Gegend um Rathenow. Die den Kirchhof säumende Backsteinmauer trägt auf ihrer Krone kurios geformte Ziegel. Es sind „Fehlbrände“, im Verlauf des Brennens skurril verformte Steine, die allenfalls noch zu dekorativen Zwecken genutzt werden konnten. Vorbei am Kietz, wo das Heimatmuseum in einem alten Fischerhaus Interessierte empfängt, führt ein Weg in der Nähe des Glindower Sees bis zum Ziegeleigelände.
Auftakt jeder Tour durch die Glindower Alpen sollte das Ziegeleimuseum sein. Bilddokumente vermitteln einen Eindruck von den einstigen Verhältnissen sowohl im Tonabbaugebiet als auch bei der Produktion der Ziegel. Völlig anders als heute zeigt sich auf alten Schwarzweißfotos das baumfreie Ufer des Glindower Sees, wo sich einst die wartenden Transportkähne aneinanderreihten.
Während im Ziegeleiturm die Historie am Leben erhalten wird, ist es in der Märkischen Ziegeleimanufaktur nebenan das Feuer. Zwei Ringöfen befinden sich auf dem Areal, einer sogar noch in originaler Bauweise nach dem 1859 erteilten Patent des Ringofen-Erfinders, dem Berliner Baurat Friedrich Hoffmann. Im etwas moderneren Ringofen daneben lodert seit den 1970er Jahren ununterbrochen das Feuer in den Kammern des Ringofens. Zu DDR-Zeiten wurden hier Blumentöpfe fabriziert, heute sind es Backsteine in historischer Manier – exklusiv nach den Wünschen der Auftraggeber per Hand geformt. So produziert ein Denkmal für andere Denkmäler, wie es plakativ heißt.
Nur einen Steinwurf vom Ziegeleiturm entfernt, ragen die Glindower Alpen empor. Mehrere Wege führen durch das Gelände, manche steigen sanft in einer Talsohle an und führen auf höher gelegene Bereiche, auf anderen muss gekraxelt werden. Meist bilden natürlich aufgekommene Gehölze den Wald, mächtige Ulmen, Eichen, Linden und Ahorne sind zu sehen. Im Bereich der Kaiserlinde sind mehrere riesige Bäume zu bestaunen. Die heftigen Stürme der vergangenen Jahre haben inzwischen Lücken in die Kronen des Waldes gerissen. Abgebrochene und umgestürzte Bäume säumen hier und da den Weg. In den schattigen Bereichen bedecken Farne den Waldboden. Auf den nach Süden gerichteten Hängen oder in aufgeforsteten Partien ist der Bewuchs meist spärlicher. Zum Südrand der "Alpen" hin liegen der in der Tiefe schlummernde Hexenpfuhl, auf dem Weg dorthin ist auch eine enge Schlucht zu durchqueren.
Am südlichen Saum der "Alpen" sind unter tief beasteten Kiefern und Eichen Pflanzen- und Tierarten zu entdecken, die es gerne warm mögen, wie die Zypressen-Wolfsmilch. Vom Weg aus ist kaum zu erahnen, dass nur wenige Meter entfernt die tiefen und wassergefüllten Grubengewässer der Tonförderung liegen. Mitten hindurch zweigt ein Weg ab, der zunächst gen Grubensohle und dann stetig ansteigend Richtung Belvedère führt. Dort befindet sich auf einer Anhöhe am Rand der großen offenen Sandfläche ein Aussichtspunkt in Richtung Werder und Potsdam. Die Sandfläche mit den umgebenden Trockenrasen ist eine der ökologisch wertvollsten Bereiche des gesamten Schutzgebietes. Bis zum Ziegeleimuseum ist es nur ein kurzes Stück. Wer in der Dorfmitte von Glindow gestartet ist, kann noch ein Stück durch Obstgärten zurück zum Ausgangspunkt gehen.
Kürzlich wurde von der Unteren Naturschutzbehörde in Bad Belzig die Genehmigung zum Wiederaufbau einer Grubenbahn erteilt. Geplant ist, das Museumsgelände und die "Alpen" mit einem Schienenstrang zu verbinden und zu besonderen Anlässen die Schmalspurbahn fahren zu lassen.

Carsten Rasmus


Ton – der Marmor Preußens

Ton wird seit Jahrhunderten zum Bau von festen Mauern und Dächern verwendet. Für die zum Brennen nötige Energie waren einst Holz oder Kohle nötig – in früheren Jahrhunderten hatten nur wohlhabende Menschen oder Institutionen die dafür erforderlichen Mittel.
Der unter der Erde lagernde Ton musste zunächst ans Tageslicht geholt werden – man spricht vom Stechen des Tons. Anschließend wurde er in zuvor gefertigte Formen gepresst – einstmals mühevoll mit Muskelkraft –, um dann getrocknet und anschließend gebrannt zu werden. Fertig ist der Backstein. Ton ändert beim Brennen dauerhaft seine Struktur, die auch durch Zugabe von Wasser nicht wieder rückgängig gemacht werden kann – Ton ist also nicht recycelbar. Schon frühzeitig, noch im Mittelalter, setzten sich normierte Backstein-Formate durch, die die Höhe, Länge und Breite der Steine festlegten und damit das Mauern mit wenig Mörtel erleichterten. Mit dem Bauboom und der Blütezeit der märkischen Ziegelproduktion im 19. Jahrhundert setzte sich schließlich das „Reichsformat“ mit zwölf Zentimeter breiten, 25 Zentimeter langen und sechseinhalb Zentimeter hohen Ziegeln durch. Für den Bau einer Berliner Mietskaserne rechnete man mit rund einer Million Steine, die zuvor aus dem märkischen Boden geholt, gebrannt und über die Wasserwege herangeschafft werden mussten.

Schutzstatus

Seit 1995 unter Schutz als NSG Glindower Alpen (119 Hektar).

Links

ziegeleimuseum-glindow.de
ziegelmanufaktur.com
bravors.brandenburg.de/verordnungen/nsg_glindower_alpen

Anreise

Bus + Bahn: Mit der Regionalbahn (RE1) bis Werder und weiter mit Bus 633 (Richtung Bliesendorf) bis Glindow, Kirche. Radfahrer können am Potsdamer Hauptbahnhof starten und den Templiner- und Schwielowsee umradeln (F1-Radweg oder Radfernweg R1). In Petzow zweigt eine Straße nach Glindow ab.

Leserkommentare Kommentar Icon (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreiben Sie hier Ihr Kommentar zu dem Beitrag:

Hinweis:
Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Alle Felder sind Pflichtfelder.
 

AKTUELLE

Ausgabe 3/2018

Pfeil blue

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe des Naturmagazins
mehr...