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Ausgabe 1/2014

Oderhochwasser '97

Wie Vogelparadiese entstehen

Am 23. Juli 1997 brach am deutschseitigen Ufer bei Aurith der Oderdeich. Es kam zur Überflutung der Ziltendorfer Niederung. Etwa 40 Quadratkilometer standen nun für zwei Wochen bis zu mehrere Meter unter Wasser. Erst ab Mitte August, als die Durchbruchstelle geschlossen werden konnte, war das Gebiet wieder zugänglich. Aber auch nach dem Rückgang und Abpumpen des Wassers blieben Bereiche mit stagnierendem Flachwasser und ausgedehnten Schlamm- und Schlickflächen zurück. Wochenlang – von Mitte August bis Mitte September – waren sie attraktive Rast- und Nahrungsgebiete vieler Vögel.

Die Brandenburger und Berliner Ornithologen, die während dieser Zeit in der Ziltendorfer Niederung nahezu täglich Arten bestimmten, ihre Truppgröße auszählten und Daten notierten, staunten nicht schlecht über das neuentstandene Feuchtgebiet. Wo jahrelang nur gut bestellte Äcker und einige wenige Grünlandbereiche zu sehen waren, erstreckte sich jetzt eine abwechslungsreiche Wasserlandschaft mit kleinen und größeren Inselchen, in der sich tausendköpfige Vogelscharen in einer nicht für möglich gehaltenen Artenvielfalt aufhielten. Hartmut Haupt und Thomas Noah haben die Notizen der Beobachter gesammelt und ausgewertet und die Ergebnisse in „Otis“, der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft der Berlin-Brandenburger Ornithologen, veröffentlicht.
War es bei den für die Oderregion „üblichen“ Arten demnach vor allem deren große Anzahl, die Aufsehen erregte, wie etwa die Tagessummen von Krickente (2.880 Individuen), Stockente (5.400), Kiebitz (7.500) und Rauchschwalbe (7.000), so hatte auch die Aussicht auf seltene gefiederte Gäste die Vogelexperten ins Gebiet gelockt – und sie wurden fündig: Entdeckt unter vielen anderen Vögeln wurden ein Steppenkiebitz (erst der 6. Nachweis für Brandenburg) und ein Rosenstar und –sensationell – Ende August besuchte ein Pazifischer Goldregenpfeifer die Ziltendorfer Niederung und blieb bis zum 17. September (Erstnachweis für Brandenburg). Der Vogel musste eine lange Reise zur Oder zurücklegen; die Brutgebiete der Art liegen in Nordsibirien und Westalaska.
Mitte Juli hatte die Hochwasserwelle bereits das untere Odertal im Nordosten Brandenburgs erreicht. Zur Entlastung der Deiche wurde dort ab dem 15. Juli das Feuchtgebiet von Internationaler Bedeutung (FIB) „Unteres Odertal“ geflutet. Mehrere tausend Hektar Polderlandschaft standen wochenlang unter Wasser. Winfried Dittberner, der seit Jahrzehnten die Vogelwelt der Oderregion beobachtet und darüber berichtet, hat Ende August bis zu 40 Seeadler im FIB angetroffen, wohl angelockt von den zahlreichen toten Fischen, die im erwärmten und sauerstoffarmen Stauwasser erstickt waren. Besonders weist er in seinem Bericht auf die überregional bedeutenden Ansammlungen der Wasserläuferarten (Dunkler Wasserläufer, Bruch- und Waldwasserläufer sowie Grünschenkel) im unteren Odertal hin.
Die beiden großen Überschwemmungsflächen an der brandenburgischen Oder bildeten im Sommer 1997 für einige Wochen ein Paradies für Vögel. Sie lassen uns ahnen, welche große Anzahl von Wat- und Wasservögeln alljährlich Brandenburg überfliegt, ohne dass wir davon etwas bemerken. Denn die damals die überfluteten Oderbereiche aufsuchenden Vögel benötigen zur Nahrungssuche naturnahe Fluss- und Überschwemmungslandschaften – und die sind Mangelware. Die Naturschutzforderung nach großflächigen Retentionsflächen entlang unserer Flüsse ist eine dringende Maßnahme für den Schutz der durchziehenden oder bei uns brütenden Wat- und Wasservögel. Die Unterschrift Deutschlands unter internationale Abkommen für den Erhalt der Biodiversität allein reicht nicht aus. Zugleich bieten solche Retentionsflächen, in denen sich das natürlich auftretende, periodische Hochwasser ausbreiten kann, Schutz für das Hab und Gut der Menschen in den Flusstälern.


Jürgen Herrmann

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