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Ausgabe 1/2014

Alle Wetter!

Zu Besuch im Wettermuseum Lindenberg

Für Meteorologen ist Lindenberg seit über 100 Jahren ein Begriff. Dort befindet sich das Aßmann-Observatorium des Deutschen Wetterdienstes, eines von zwei seiner Art hierzu-lande. Mit einem Wettermuseum kam vor etwa acht Jahren ein für Deutschland einzigarti-ges Glanzlicht hinzu.

Gabriele Weitzel hat alle Hände voll zu tun. Permanent klingelt das Telefon und hält sie vom Bewältigen der Papierberge ab, die sich auf ihrem Schreibtisch in der Geschäftsstel-le des Wettermuseums Lindenberg stapeln. Im Vortragsraum nebenan vermittelt „Wet-termacher“ Bernd Stiller der 10. Klasse des Humboldt-Gymnasiums Eichwalde Wis-senswertes aus der Meteorologie, bevor es anschließend in die Ballonhalle geht – Alltag im "Museum für Meteorologie und Aerologie", einer für Mitteleuropa einmaligen Ein-richtung.

Vereinte Wetterbildung

Gespräche über das Wetter werden im Wettermuseum nicht aus purer Höflichkeit ge-führt. Es geht um Inhalte. Den Bildungsanspruch der Betreiber – ein 2006 gegründeter Verein – verdeutlichen schon die vier Säulen des Vereinswappens. Sie stehen für Meteo-rologie einst und heute, Klimaschutz und den Lernort Museum.
Den Anstoß für die Vereinsgründung gab der im Oktober 2005 gefeierte hundertste Gründungstag des Lindenberger Observatoriums, anlässlich dessen historisches Materi-al gesichtet wurde. Schnell wurde allen Beteiligten die Bedeutung der Hinterlassenschaft deutlich: Nicht nur die seltenen Glasfotoplatten aus den frühen Jahren des Observatori-ums hatten im Keller nichts verloren. Doch ob die Initiatoren Bernd Stiller und Frank Beyrich damals schon wussten, auf was sie sich da einließen? Wer die Chronik liest, be-kommt eine Ahnung von der Größe der auf sie zukommenden Aufgaben und den Prob-lemen der Anfangszeit. Knappe Geldmittel – man half sich zum Teil mit Privatdarlehen der Mitglieder –, eine leere Baracke, erste Exponate und vor allem Ideen. „ Wir waren unbeirrt, hatten eine Vision. Ohne die geht es nicht“, sagt heute Joachim Weitzel, der ebenso wie seine Frau von Beginn an dabei und wie sie auch Mitglied im Vereinsvor-stand ist.
Heute zählt der Verein deutschlandweit über 60 Mitglieder. Einige kommen sogar aus Frankreich. Vereinsvorsitzender Stiller ist der einzige Meteorologe im Vorstand. Sein Arbeitsort ist das Aßmann-Observatorium, mit dem ein Kooperationsvertrag besteht. Das Wettermuseum gehört mittlerweile zu den „111 Orten in Brandenburg, die man ge-sehen haben muss“, finden die Autoren des im Emons-Verlag erschienen gleichnamigen Buches.
Der Gang durch die Ausstellung wird für die Besucher zu einer Zeitreise durch die Ge-schichte der Meteorologie. Ausgesuchte Exponate aller Epochen dieser relativ jungen Wissenschaft vermitteln einen ausgezeichneten Einblick in deren Entwicklung und zei-gen, mit welch ausgeklügelten Instrumenten und Geräten Meteorologen sich der Wetter-forschung widmeten und dies auch heute noch tun. Wie und warum Wolkenhöhen ge-messen werden, Schnee gewichtet wird, Regenmengen über längere Zeiträume aufge-zeichnet werden und vieles mehr, erfährt der Besucher aus eigener Anschauung oder während einer der angebotenen Führungen. Auch ein etwa zehnminütiger UFA-Film aus den 1930er Jahren, für den der Verein noch heute Lizenzgebühren zahlt, vermittelt den Zuschauern einen Eindruck davon, wie und mit welchem Aufwand Wettervorhersagen entstehen.
Für Schulklassen bietet das Wettermuseum gezielte Projekttage an. Neben theoretischer Information geht es hier vor allem um das Begreifen, beispielsweise beim Bau eines Windmessgerätes. Eines der Glanzstücke der Ausstellung ist ein Aspirationspsychrome-ter nach Aßmann: ein Messinstrument, mit dem die tatsächliche, nicht durch Sonnen-strahlung verfälschte relative Luftfeuchtigkeit und Temperatur gemessen werden.

Altes und Neues

Mit der historischen, denkmalgeschützten Ballonhalle hat der Verein kurz nach seiner Gründung ein besonderes Schmuckstück erworben. Dass man sich vom stark sanie-rungsbedürftigen Zustand des Holzbaus nicht abhalten ließ, lässt den Enthusiasmus der Mitglieder erahnen. Eine willkommene Hilfe bei der Sanierung war eine der bekannten 96-Stunden-Aktionen des RBB.
Seit Ende 2007 beherbergt die Halle nun eine Drachen- und Radiosondenausstellung. Beim Anblick der meteorologischen Drachen dürfte so mancher Besucher glänzende Augen bekommen. Ein Glanzstück der Ausstellung ist der Nachbau eines Schirmdra-chens, der seit 1919 mit knapp 10.000 Metern Höhe einen Rekord hält. Wie ein solcher Drachen aufgelassen und in einigen tausend Metern Höhe gehalten wurde, lässt sich im Windenhaus nachvollziehen.
Neben der für eine meteorologische Einrichtung obligatorischen Wetterhütte befindet sich auf dem Museumsgelände auch ein "Klimazaun". Die Höhe seiner Staketen zeigt die in Lindenberg seit 1907 gemessenen Jahresmitteltemperaturen an. Die Höhe der Zaun-latten nimmt in den zurückliegenden 20 Jahren sichtbar zu. Eine verblüffend einfache Darstellung der Klimaerwärmung, zumindest für Lindenberg.
Gegenwärtig beschäftigt der Umzug in ein neues Besucherzentrum die Vereinsmitglie-der. Die offizielle Eröffnung des neuen Domizils ist für Juni 2014 geplant. Doch bereits im Februar wird die Ausstellung wieder zugänglich sein, werden Führungen und Pro-jekttage angeboten werden. Gut 900.000 Euro sind für den Neubau veranschlagt, zu drei Vierteln wird er durch die EU und das Land Brandenburg finanziert. Etwa ein Viertel der Kosten trägt jedoch der Verein, aus Spenden, Eigenmitteln und Krediten, abgesichert durch persönliche Bürgschaften von Vereinsmitgliedern.
Die Besucher bekommen von all dem nichts mit. Sollen sie auch nicht. Und wer es nicht weiß, würde wohl auch nicht vermuten, dass im Wettermuseum alle ehrenamtlich arbei-ten.

Wolfgang Ewert
Im Internet: www.wettermuseum.de

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