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Ausgabe 1/2014

Stürmische Zeiten

Ein Blick in die Vergangenheit und auf sich häufende Ereignisse

An die Nacht vom 16. zum 17. Februar 1962 erinnert man sich in Hamburg nur mit Grauen. Das Sturmtief Vincinette hatte an der gesamten deutschen Nordseeküste eine schwere Sturflut verursacht und kostete allein in der Hansestadt über 300 Menschen das Leben. Elfeinhalb Jahre später verwüsteten sechs weitere schwere Sturmfluten in-nerhalb von vier Wochen die Nordseedeiche. Viele weitere folgten bis heute, wobei ein Ende nicht in Sicht ist. Denn die Klimaforscher sagen nahezu einhellig eine zunehmende Tendenz von Extremwetterlagen voraus.

Wissenschaftler des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum Geesthacht beobachten das Sturmflutgeschehen in der Deutschen Bucht heute sehr genau. Der heu-tige Hochwasserschutz wird ihrer Ansicht nach nur noch bis etwa 2030 ausreichenden Schutz bieten. Spätestens dann sind weitere Schutzmaßnahmen erforderlich. Wie stark sich die Sturmfluthöhen an der deutschen Nordseeküste ändern werden, hängt den Ex-perten zufolge in erster Linie vom Windklima und dem Anstieg des Meeresspiegels ab – und letzterer habe sich in den vergangenen einhundert Jahren bereits um 20 Zentimeter erhöht. Die 1962er Sturmflut würde daher heute etwa zehn Zentimeter höher auflaufen als damals. Und bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnten Sturmfluten sogar 30 bis 110 Zentimeter höher gelegenes Land erreichen.
Selbst die „brave“ Schwester der Nordsee kann ihre Ruhe verlieren, wenn die meteoro-logischen Verhältnisse danach sind. Beim bislang schwersten Ostsee-Sturmhochwasser im November 1872 tobten die Flutwellen gegen die Küste und die Pegelstände kletter-ten bis zu dreieinhalb Meter über normales Niveau. Die völlig überraschten Menschen konnten nur das nackte Leben retten, 271 nicht einmal das. Zehntausende Tiere ertran-ken, fast dreitausend Häuser wurden zerstört.
Angesichts der Katastrophen, die der Taifun Hayan vor wenigen Monaten auf den Phi-lippinen verursachte, relativiert sich dabei manches. Denn gegen die Windgeschwindig-keiten tropischer Stürme mit über 300 Stundenkilometern nehmen sich ihre Pendants in unseren Breiten vergleichsweise bescheiden aus. Dennoch hieß es im vergangenen Herbst auch auf Sardinien Land unter. Der Bürgermeister der Stadt Olbia, Gianni Giova-nelli, sprach von einem "apokalyptischen" Unwetter. Mindestens 16 Menschen kamen ums Leben. Aber auch der Norden Europas erlebte einen besonders stürmischen Herbst. Ende Oktober hatte sich „Christian“ ausgetobt, Anfang Dezember sorgte Orkan "Xaver" für Aufregung.
In Erinnerung geblieben ist auch "Kyrill", der im Januar 2007 mit Spitzengeschwindig-keiten deutlich über 200 Stundenkilometer eine Schneise der Verwüstung durch Mittel-europa zog. Die Schäden waren enorm und beliefen sich der Versicherungswirtschaft zufolge allein in der Bundesrepublik auf knapp fünf Milliarden Euro. Im Gepäck hatte der Sturm drei F3-Tornados mit Windgeschwindigkeiten um die 300 Stundenkilometer, die in Sachsen-Anhalt und in Brandenburg Schäden in Millionenhöhe anrichteten. Aufgrund frühzeitiger Unwetterwarnungen blieb jedoch Zeit, sich auf das zu erwartende Unheil vorzubereiten. Die Schäden wären sonst sicherlich weitaus höher ausgefallen. Insgesamt fielen rund 37 Millionen Festmeter Holz dem Orkan zum Opfer. Die größten Schäden gab es in den Fichten-Monokulturen. Ähnliches erlebte der Schwarzwald einige Jahre zuvor, als „Lothar“ am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 mit Windspitzen von weit über 200 Stundenkilometern durch Westeuropa raste und den Südwesten Deutschlands über-querte. Im Schwarzwald hinterließ Lothar auf 40.000 Hektar Kahlschlag und sorgte für rund 30 Millionen Kubikmeter Sturmholz. Am Schliffkopf an der Schwarzwaldhochstra-ße gibt es seit 2003 einen Lehrpfad. Der 800 Meter lange „Lotharpfad“ führt durch eine Sturmfläche, die nach dem Sturm nicht geräumt und sich selbst überlassen wurde. Besu-cher können dort die natürliche Entwicklung solcher Flächen direkt erleben. Bis „Lo-thar“ galt „Daria“ als der schwerste und teuerste Sturm seit dem Märzorkan von 1876, dem in kurzer Folge auch noch „Vivien“ und „Wiebke“ gefolgt waren.

Ein Jahrhunderthochwasser folgt dem anderen

Neben schweren Stürmen sind es vor allem die extremen Hochwasserereignisse, die viel Leid und enorme Schäden verursachen. „Am Maria Magdalenatag und am folgenden Tag fiel ein außerordentlicher Wolkenbruch, welcher den Mainstrom so sehr anschwellte, dass der selbe allenthalben weit aus seinem Bette trat, Äcker und Weingärten zerstörte und viele Häuser samt Bewohner fortriss", steht es in der Chronik der Stadt Würzburg und beschreibt die Magdalenenflut im Sommer 1342. Die Opferzahlen sollen in die zehn-tausende gegangen sein. Die Spätfolgen waren enorm, das Land war verwüstet, Land-wirtschaft kaum noch möglich. Hunger herrschte in weiten Teilen des Landes. Heute wird angenommen, dass das verheerende Ereignis infolge einer sogenannten Vb-Wetterlage eintrat. Eine ähnliche meteorologische Konstellation sorgte im Juni vergan-genen Jahres für eines der extremsten Hochwasserereignisse der zurückliegenden Jahre, vor allem im Süden und Osten Deutschlands. Vielerorts wurde Katastrophenalarm aus-gelöst, mussten Evakuierungen erfolgen. So auch im brandenburgischen Mühlberg, de-ren Bewohner um die Standfestigkeit der Deiche zitterten. Diese hielten und Branden-burg kam dieses Mal vergleichsweise glimpflich davon, nicht zuletzt wegen der Deich-brüche im benachbarten Sachsen-Anhalt. Ende Juni beschloss der Deutsche Bundestag acht Milliarden Euro als Aufbauhilfe bereitzustellen. Das Hochwasser 2013 gilt als ein weiteres „Jahrhunderthochwasser“ – wie viele andere in den 15 Jahren zuvor.

Heiße Zeiten

Im Sommer 2003 erlebte Europa auch einen „Jahrhundertsommer“. Hoch „Michaela" be-scherte den Menschen den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Mit 40,2 Grad Celsius wurde der Hitzerekord für Deutschland eingestellt. Vor allem aber die südeuropäischen Länder litten damals unter der Hitze. Im Süden Portugals stiegen die Temperaturen auf 47,3 Grad. Europaweit sollen 70.000 Menschen an den Folgen ge-storben sein. Auch in den Folgejahren gab es ausgesprochen heiße Sommer. Temperatu-ren von bis zu 40 Grad Celsius und verheerende Wald- und Torfbrände nahmen Russ-land 2011 den Atem. Ähnliche extreme Ereignisse werden in den kommenden Jahren wahrscheinlich häufiger auftreten. Einer Studie des PIK und der Universidad Complu-tence de Madrid (UCM) zufolge werden sie bis 2020 voraussichtlich doppelt so häufig vorkommen und bis 2040 sogar viermal so oft. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts könne eine weitere Zunahme von Hitzeextremen jedoch noch vermieden werden, wenn der globale Ausstoß von Treibhausgasen stark verringert würde, so die Wissenschaftler. „In vielen Regionen werden die kältesten Sommermonate Ende des Jahrhunderts heißer sein als die heißesten Monate heute – das zeigen unsere Berechnungen für ein Szenario mit unvermindertem Klimawandel“, sagt Dim Coumou vom PIK.

Wolfgang Ewert

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