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Ausgabe 1/2014

Regen? Nein Danke!

Das Schönwettertier Fledermaus

Wie kaum ein anderes unserer heimischen Säugetiere sind Fledermäuse ausgesprochene Liebhaber „schönen" Wetters. Die aus den tropischen Wäldern stammende Artengruppe mag es am liebsten windstill, niederschlagsfrei und vor allem warm. Daher nimmt die Zahl der Arten auch in zunehmender Entfernung vom ganzjährig warmen und insektenreichen Äquator deutlich ab. Weltweit gibt es fast 1.000 Fledermausarten, die meisten von ihnen in den Tropen. Brandenburg kann immerhin auf 18 Spezies verweisen.

Wie Fledermäuse auf den Faktor Wind reagieren, brachten in jüngerer Vergangenheit vor allem zahlreiche Untersuchungen im Zusammenhang mit der Errichtung von Windkraftanlagen ans Tageslicht. Es stellte sich heraus, dass sie Wind nicht besonders mögen. Zumindest im Offenland stellen Fledermäuse das Fliegen meist schon ab Windgeschwindigkeiten von 20 bis 30 Stundenkilometern ein. Vermutlich wirken dabei mehrere Faktoren zusammen: Zum einen werden die leichten Tiere schnell abgedriftet. Zum anderen ist bei stärkerem Wind ohnehin kaum ein Insekt unterwegs. Vom Weg abkommen und dennoch nicht satt werden ist eben nicht besonders effektiv.
Ähnlich verhält es sich mit Niederschlag: Bereits geringe Mengen und sogar Nebel führen dazu, dass sich die Mäuse lieber in ihr trockenes Quartier zurückziehen. Neben der bisherigen Vermutung, dass auch dafür der Rückgang der Insektenaktivitäten ausschlaggebend sei, konnte im Rahmen einer Studie des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) eine weitere Ursache nachgewiesen werden: Nasse Fledermäuse verbrauchen doppelt soviel Energie wie solche mit trockenem Fell. Das liege einerseits am Verlust von Körperwärme, andererseits an der verminderten Aerodynamik. Die Jagd lohnt also auch hier wieder in mehrfacher Hinsicht nicht. Erstaunlich ist dabei allerdings, dass nasse Fledermäuse kaum schwerer seien als trockene. Und entgegen einer weiteren Vermutung scheinen die fallenden Regentropfen den Flügelschlag auch nicht zu erschweren: Der Energieverbrauch der nassen Tiere erhöhte sich der Studie nach durch weiteren Regenfall nicht zusätzlich.
Kuschelig warm muss es vor allem in den Quartieren während des Sommerhalbjahrs sein. Am liebsten halten sich die Tiere in zumindest zeitweise besonnten Verstecken auf, etwa unter Dachziegeln oder südlich ausgerichteten Verschalungen oder Baumhöhlen. Vor allem die anfangs noch nackten Jungtiere benötigen ausreichende Wärme, um die ersten Wochen zu überstehen. Aber auch für die nächtlichen Jagdflüge werden am liebsten Temperaturen zwischen 10 und 25°C genutzt.
Auch an die insekten- und damit nahrungsfreie Zeit des Winters haben sich die Tiere angepasst: Sie verbringen ihn im Winterschlaf an frostfreien, kühlen und sicheren Orten wie Höhlen und Kellern. Dort fahren sie ihren Kreislauf herunter und passen die Körpertemperatur der Umgebung an. Energie benötigen sie dann kaum noch.
Immer wieder werden Fledermäuse, die von einem Unwetter überrascht wurden, aufgefunden und bei Naturschutzstationen abgegeben – etwa bei Sturm und Regen, aber auch bei plötzlich eintretenden Spätfrösten oder langen Trocken- und damit Durstperioden. Die Tiere suchen in der Not einen sicheren Unterschlupf und können dann auch plötzlich bei -10°C Außentemperatur in Wohnungen einfliegen. Oder sie fallen einfach aus ihren Quartieren.
Doch es gibt auch erstaunliche Beobachtungen von Fledermäusen, die sich von „schlechtem" Wetter nicht beirren lassen. So konnten Tiere schon bei Windgeschwindigkeiten von 55 Stundenkilometern im Flug oder im Regen bei der Insektenjagd an Straßenlaternen beobachtet werden. Auch der Wechsel der Überwinterungsstätte bei starkem Temperaturrückgang wird immer wieder beobachtet. Dies ist für die Tiere auch lebensnotwendig, um nicht am unzureichend frostfreien Winterplatz zu erfrieren.

Offensichtlich birgt das Leben und die Anpassung an unsere Breiten für Fledermäuse so manche Hürde. Doch können wir immer wieder mit Faszination und Bewunderung feststellen, wie erstaunlich gut die Tiere dies meistern und wie häufig sie uns doch mit ihrem Verhalten überraschen können.

Sarah Tost
Die Autorin arbeitet als ökologische Gutachterin. Einer ihrer Schwerpunkte sind Fledermäuse.

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