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Ausgabe 1/2014

Beständiger Mahner für den Vogelschutz

Dr. Martin Flade übernahm Leitung des Biosphärenreservats und bekam wichtige Auszeichnung

Um diesen Job hat er lange gekämpft. Er fiel bei seinem Arbeitgeber in Ungnade, und mehr als einmal zog er vors Arbeitsgericht, doch er blieb beharrlich. Kenntnis der Behördenabläufe, penible Dokumentation von Gesprächen, Vorgängen, Festlegungen und natürlich fachliche Qualifikation verhalfen ihm zur Traumstelle. „Verbessert im landläufigen Sinne habe ich mich damit nicht“, erklärt der promovierte Landschaftsplaner Martin Flade, der zuvor im Landesumweltamt in Eberswalde das Referat für Großschutzgebiete leitete. Aber es sei fachlich genau das, was er wollte, eine Herausforderung. Seit Mai 2013 ist Flade Leiter des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin. Und kürzlich bekam der Mittfünfziger, was ihn selbst sehr verblüfft und freut, eine Auszeichnung der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft, den Hans-Löhrl-Preis.

Der gebürtige Hamburger hat 1984 sein Studium der Landschaftsplanung mit Schwerpunkt Landschaftsökologie in Berlin beendet und ist in der Region geblieben. Dass er sich beruflich einmal mit Großschutzgebieten und liebend gern mit kleinen und größeren gefiederten Lebewesen befassen würde, war nicht geplant: Als Heranwachsender besuchte er eine musikbetonte Schule, spielte Geige, Bratsche und ein bisschen Klavier. Flades Weg schien vorgezeichnet – seine Schwester wurde Musikerin in Lübeck. Doch genauso interessierten den Schüler damals bereits Brutvogelgemeinschaften. Jahrzehntelange Liebe zur Natur und zu Vögeln darf ihm unterstellt werden. Der berufliche Einstieg gelang in Berlin-Spandau bei der Unteren Naturschutzbehörde: Kataster waren anzulegen, kein Schreibtischjob also. Im Wendejahr 1989 kam er in die Senatsverwaltung, Sachgebiet Artenschutz. Artenschutz in Berlin? „Ja klar. Da ging es vor allem um Handelskontrollen, das Washingtoner Artenschutzabkommen.“ An den Laden mit den krokodilledernen Accessoires auf dem Kudamm hat er noch lebhafte Erinnerungen. Doch ebenso an die sofortige enge Zusammenarbeit mit den Ostberliner und Brandenburger Kollegen, als die Mauer fiel. Bald schickte er eine Bewerbung an das Potsdamer Ministerium und gehörte zur ersten Besetzung, als 1992 in Eberswalde die Landesanstalt für Großschutzgebiete entstand. „Ich wollte ohnehin aus Berlin weg, Brandenburg lag spannend und unentdeckt vor der Tür. Warum also nicht?“, dachte er.
Seinem Hobby, der Vogelbeobachtung, war Flade in Berlin mit einem Freund, Johannes Schwarz, treu geblieben. Gemeinsam legten sie die Grundlage für das „Deutsche Brutvogel-Monitoring“, eine gewaltige, systematische Datensammlung zu den häufigsten deutschen Brutvögeln, die die beiden samt Koordination, Auswertung und Öffentlichkeitsarbeit komplett ehrenamtlich leisteten. Seit 2006 wurde dieses Monitoring in die Bund-Länder-Vereinbarung aufgenommen, so dass der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA), bei dem das Vorhaben der beiden Vorreiter angesiedelt war, einen fest angestellten Mitarbeiter binden konnte. Inzwischen werden auf 1.700 Flächen in der ganzen Republik von hunderten Ehrenamtlichen Daten gesammelt und übermittelt.
Die seit 1991 verlässlichen Quellen sind inzwischen zur Grundlage für den Nachhaltigkeitsindikator der biologischen Vielfalt geworden. Aktuell nimmt Martin Flade mit Johannes Schwarz und Sven Trautmann die Daten der ersten 20 Jahre Brutvogelerfassung noch einmal genauer unter die Lupe. Dabei wird nicht nur die Bestandsentwicklung in der offenen, landwirtschaftlich genutzten Kulturfläche betrachtet: Die drei betreiben qualifizierte Ursachenforschung und ziehen Faktoren wie Witterung oder Anbauverhältnisse ins Kalkül. Ein Ergebnis der Arbeit ist seine Publikation „Von der Energiewende zum Biodiversitäts-Desaster – zur Lage des Vogelschutzes in Deutschland“, deren kritische Einschätzung die Ornithologen-Gesellschaft mit dem erwähnten Löhrl-Preis würdigte. Obwohl Martin Flade in seinem neuen Amt viel Zeit im Büro – zu 75 Prozent bei Gesprächen – verbringt, zieht es ihn nach draußen. Mitte der 1990er Jahre erwarb er ein altes Haus im Ökodorf Brodowin. Er gründete eine Familie und freut sich heute, dass sein elfjähriger Sohn ein begeisterter Vogelkundler ist, der den Vater ganzjährig nach draußen holt. Im Frühjahr hat Flade ohnehin seine Zählroute fürs Vogelmonitoring: Wenn er früh um fünf von zu Haus aufbricht, braucht er für 20 Zählpunkte dreieinhalb Stunden und kommt pünktlich zur Arbeit. Und dann gibt es da noch seinen Bauerngarten mit Gemüse und Kartoffeln, die Familie hat Kaninchen, Leihschafe und -esel für die Landschaftspflege. Flade kümmert sich in einer internationalen Arbeitsgruppe um den bedrohten Seggenrohrsänger. Mehr Hobby braucht er dann wirklich nicht. Denn er möchte weiter Vögel beobachten, auswerten, schreiben – und jetzt auf der neuen Stelle dazu beitragen, dass sich das Biosphärenreservat gut entwickelt.

Andrea von Fournier

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